06.12.2001 · Rechtzeitig zu Weihnachten kommt ein neuer Disney-Trickfilm in die Kinos. "Atlantis" will neue Wege beschreiten - und kommt vom Wege ab.
Von Birgit Roschy, APPlaton war der erste, der die Mär von einer untergegangenen Zivilisation erzählte, einer versunkenen Insel voll ungeheurer Reichtümer. Seitdem lokalisierten Forscher und Träumer das verschollene Atlantis im Mittelmeer, in der Nordsee oder auf den Azoren. Aber an die isländische Küste hat bestimmt noch niemand gedacht: In die Gewässer des Nordmeeres verlegt der neue Disney-Trickfilm „Atlantis“ die legendäre Hochkultur.
Die Sagen umwobene Insel sollte der Fantasie eigentlich ein weites Betätigungsfeld bieten. Doch Disney macht daraus lediglich eine Art Karibik-Ableger - mitsamt einer Prinzessin im Bikini, eine atlantische Pamela Anderson. Mit „Atlantis“ scheinen die Disney-Macher einen neuen Stil zu suchen.
Versatzstücke aus aller Herren Filme
Einesteils sind altbekannte Abenteuer- und Westernfilme die Vorlage der Handlung, in der eine Hand voll Jäger des verlorenen Schatzes in einem U-Boot à la „Käpt'n Nemo“ durch allerlei Untiefen zu dem Profit verheißenden Wunderland vordringen. Der Wissenschaftler Milo, eine jüngere, naivere Ausgabe von Indiana Jones, begleitet das Unternehmen und gerät bald in Konflikt mit der goldgierigen Halsabschneider-Crew.
Andererseits möchte „Atlantis“ die Schnelligkeit und die spektakulären Effekte von Actionfilmen imitieren. Doch da Live-Actionfilme inzwischen ebenso zum Großteil aus Computeranimation bestehen wie die einst gezeichneten Trickfilme, gerät die anfangs atemberaubende Rasanz der Bilder immer mehr zur Routine.
Action statt liebevoller Details
Gleich zu Beginn wird Atlantis - ein recht Furcht erregender Einstieg für kleinere Filmzuschauer - von einer riesigen Flutwelle zerstört. Es gibt beeindruckende Begegnungen mit Monstern wie dem legendären „Leviathan“, eine Art Riesenhummer, der Atlantis bewacht, rasante Flugmaschinen, Stunts, wie mit kreiselnder Kamera gefilmt, Fahrten über wacklige Brücken. Eine Actionfülle, die jedoch auf Dauer nicht halb so unterhaltsam ist wie die einst so liebevoll ausgemalten Details und originellen Nebenfiguren, für die Disney mal berühmt war und die durch ihren Charme und Witz mit der Disney-typischen Sentimentalität versöhnten.
Flache Computer-Retortenwelt
Seit der Kassenknüller des Disney-Konkurrenten DreamWorks, „Shrek“, aber genau jene Sentimentalität veralberte, scheinen die Disney-Filmemacher auf mehr vermeintliche „Realität“ zu setzen, wie zum Beispiel die Multi-Kulti-Crew des U-Bootes zeigt. Da gibt es eine raubauzige Mechanikerin, die aussieht wie die Vorzeige-Latina des Hollywood-Films, Rosie Perez, und einen schwarzen Arzt, außerdem einen merkwürdigen Franzosen, dessen Bartschatten von Jean Reno geklaut scheint und der ein gestörtes Verhältnis zur Hygiene hat. Der Kommandant ähnelt James Garner in jungen Jahren und spricht im Original auch mit dessen Stimme.
Doch die eckigen Umrisse der wie mit nervösem Strich gezeichneten Figuren erinnern an billige Comic-Strips. Vollends enttäuscht die einfallslose Gestaltung von Atlantis, eine flache Computer-Retortenwelt mit Reminiszenzen an Angkor Watt und Stonehenge, jedoch ohne schön gezeichnete Hintergrunde, ohne Farbnuancen und Hingucker - bis auf jene Barbie ähnliche Prinzessin mit weißblonden Haaren.
Sie muss zusammen mit Milo Atlantis retten, und die Esoterik-Klientel unter den begleitenden Erwachsenen bei den Filmzuschauern bedienen: Die Energiequelle von Atlantis ist eine Art Kristall, der die holde Bikiniträgerin in die Lüfte beamt. Angesichts dieser Schmalspur-Erotik sehnt man sich zurück nach Schneewittchen.