Home
http://www.faz.net/-gqz-6wsoe
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, HOLGER STELTZNER
Bibliothek

Feuilleton-Glosse Später Nachruf

Zu Francos Zeiten war José Luis Martín Vigil ein Star, galt als Verfasser moderner Erbauungsliteratur. Dann vergass man ihn. Sogar sein Tod wurde nicht bemerkt.

Der Mann muss ungewöhnlich gewesen sein: vor siebzig Jahren ein spanischer Jesuit, dann Schriftsteller und kein Jesuit mehr, aber immer noch tiefgläubig, homosexuell, also gepeinigt, umgetrieben von einer Botschaft, die er den Jugendlichen verkünden wollte und von der niemand mehr sagen kann, woher sie kam, nur dass er die Gabe hatte, sie in Romane zu verpacken, die in der Franco-Zeit zu erstaunlichen Bestsellern wurden. Und plötzlich war José Luis Martín Vigil, geboren 1919 in Nordspanien, ein berühmter Autor. Manche sagen, mit ihm hätten sie lesen gelernt. Tippt man seinen Namen in die Suchmaschine, liest man herzwärmende Bekenntnisse, auch von Frauen, obwohl er wohl nur ein einziges Buch über sie geschrieben hat mit dem Titel „Ein Geschlecht, das man schwach nennt“. Zuerst gingen seine Romane als moderne Erbauungsliteratur durch, sie handelten von jungen Seelen in Not, aber soziales Elend hatte ihn schon immer interessiert, und irgendwann wagte er sich sogar an das heikle Thema der „kommunistischen Geistlichen“, für die Franco ein eigenes Gefängnis bauen ließ. „Los curas comunistas“ soll in achtzehn Auflagen und rund 350 000 Exemplaren verbreitet sein. Später schrieb er über Jugendliche im Drogenmilieu. Doch mit der Demokratie sank Martín Vigil, bis dahin ein allgegenwärtiger Name der spanischen Literatur, in Vergessenheit. Heute lässt sich rekonstruieren, dass viele Leser in den letzten Jahren auf der Suche nach ihm waren. Das Internet bewahrt die Spuren von Frauen, die ihm danken wollten, von Lesern aus Spanien und Lateinamerika, von dringenden Anfragen, Appellen und Rundschreiben. Doch der Schriftsteller meldete sich nie. Er müsse doch längst über neunzig sein, schrieb jemand in einem Internetforum. Er lebe völlig zurückgezogen und wolle niemanden sehen, meinte ein anderer. Eine Krankheit mache ihm zu schaffen, hieß es dann. „Hallo, ich sitze an einer Examensarbeit“, schrieb einer, „und müsste dringend mit José Luis Martín Vigil Kontakt aufnehmen.“ Doch da war der Schriftsteller schon acht Monate tot. Noch immer wurde nach ihm gefahndet, ihm gedankt und gute Gesundheit gewünscht, bis ein gewisser Juan Pedro letzten September schrieb, Martín Vigil habe sich mit dem „Chef“ getroffen, wie er selbst zu sagen pflegte, sei also gestorben. Und diese Woche, fast ein Jahr nach seinem Tod, brachte eine spanische Zeitung einen schönen langen Nachruf. Zu spät? Ach was. Der Himmel kann warten.

Quelle: F.A.Z.

 
 ()
   Permalink
 
 
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

   Permalink
 Permalink

Veröffentlicht: 15.01.2012, 17:04 Uhr

Lies oder stirb!

Von Sandra Kegel

Bildung ist Trumpf: Wie ein Gangsta-Rapper seinen Intimfeind mit einer Leseschwäche zu demütigen versucht. Mehr 3