Home
http://www.faz.net/-gqz-6x1ay
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Feuilleton-Glosse Schwulentherapie

22.01.2012 ·  Aufruhr in Amsterdam: Der Oberrabbiner der Stadt hat einen Aufruf unterzeichnet, der Homosexuellen rät, sich in Therapie zu begeben. Nicht nur seine Gemeinde ist fassungslos.

Von Dirk Schümer
Artikel Lesermeinungen (3)

Müssen homosexuelle Juden sich einer Kur zur Unterdrückung ihrer Gefühle unterziehen? Amsterdams Oberrabbiner Aryeh Ralbag ist dieser merkwürdigen Ansicht und hat darum einen Aufruf von mehr als einhundertsechzig jüdischen Funktionären und Geistlichen in Amerika unterzeichnet. Gläubigen mit gleichgeschlechtlicher Neigung wird zu einer Therapie geraten, damit sie von ihrer Neigung ablassen und wieder „im Einklang mit der Tora“ leben können. Als die obskure Schwulentherapie ihres Oberrabbiners im niederländischen Judentum ruchbar wurde, war im Schwulenmekka Amsterdam der Skandal da. Jüdische Organisationen bezeichneten die Ansichten des Rabbiners, der doch eigentlich die Moralgesetze auslegen soll, als schädlich und untragbar. Amsterdams Gemeindevorsitzender Ronnie Eisenmann sprach von einem kulturellen Rückstand der amerikanischen Glaubensgenossen, denn in Holland seien solche Debatten vor dreißig Jahren bereits erledigt worden. Ralbag beteuert nun, er selbst sehe in der Homosexualität gar keine Krankheit; bei dem Aufruf handele es sich schlicht um eine „Botschaft der Liebe“. Aber wozu soll ein Schwuler einen Therapeuten aufsuchen, wenn an seinen Gefühlen nichts verkehrt ist?

Die böse Liebesbotschaft des Oberrabbiners 

Die böse Liebesbotschaft des Rabbiners kam in den Niederlanden ganz schlecht an, weil ein Repräsentant einer über Jahrhunderte schlimm diskriminierten Bevölkerungsgruppe sich mit dem Diskriminieren eigentlich zurückhalten sollte. Und sogar die jüdische Gemeinde Amsterdams selbst hatte 1656 den jungen Baruch Spinoza exkommuniziert und in totale Isolation verbannt, obwohl der damals noch gar nichts von seinen freidenkerischen Werken veröffentlicht hatte. An solche intoleranten Traditionen möchte man bewusst nicht anknüpfen, weshalb die jüdische Gemeinde ihren Oberrabbiner nun kurzerhand von seinen Aufgaben entbunden hat. Doch stellte sich bald heraus, dass das Problem kein amerikanisches ist und auch der vermeintlich laizistische niederländische Staat eine Anti-Schwulen-Therapie von der Gesundheitsfürsorge unterstützen lässt. Offenbar geht es um ein obskures Heilprogramm, das von fundamentalistischen Protestanten ins Basispaket der Krankenkassen gemogelt wurde. Nun raufen sich Abgeordnete bis in die Regierungsparteien die Haare, welcher quacksalberische Quatsch aus Steuergeldern finanziert werde, und fordern die Gesundheitsministerin zur Streichung des Programms auf. Nur die erzkonservative Christenpartei SGP findet die Schwulentherapie ungemein nützlich für die Reinheit ihrer Lehre. Es gibt augenscheinlich in allen Religionen Mentalitäten, gegen die kein Kraut gewachsen ist.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen

Wieder federführend

Von Sandra Kegel

Immer mehr Menschen schwärmen für das Schreiben mit spitzer Feder, Füllhalter-Produzenten und Versandhändler verzeichnen eine Verdopplung der Nachfrage. Was ist zu halten von der neuen Liebe zur Tinte? Mehr 1 3