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Feuilleton-Glosse Rousseau ohne

 ·  2012 ist kein offizielles Rousseau-Jahr in Frankreich, obwohl der Philosoph vor dreihundert Jahren geboren wurde. In Brasilien und Amerika feiert man seinen Geburtstag - warum tut sich Paris schwer?

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Ist Chopin, dem das Jahr 2010 gewidmet war, französischer als Rousseau? Aber auch Franz Liszt, der 2011 offiziell von Frankreich gefeiert wurde? 2012 jedenfalls ist kein amtliches „Rousseau-Jahr“, trotz des dreihundertsten Geburtstags. „Das Liszt- und Chopin-Jahr ermöglichte es, den vielen Konzerten einen nationalen Stempel aufzudrücken“, erklärt mit kaum kaschierter Verlegenheit Philippe-Georges Richard, der im Kulturministerium für die célébrations nationales zuständig ist. Halten die Pariser intellektuellen Eliten Rousseau wie einst die Zeitgenossen Diderot und Voltaire weiterhin für einen Verrückten?

An ihm scheiden sich nach wie vor die Geister, bilanzieren Monique und Bernard Crottet in „Rousseau en son temps“. Die Revolution hatte seine sterblichen Überreste ins Pantheon überführen lassen. Auch sein Geburtstag, am 28. Juni 1712, wird groß gefeiert - in Brasilien und in Amerika, zwischen Istanbul und Tokio und in den französischen Provinzen, in Ermenonville, wo Rousseau 1778 starb, und in Chambéry, wo er in seiner Jugend Aufnahme fand. Sogar Kulturminister Frédéric Mitterrand war vor ein paar Tagen aus Paris angereist, um den Reigen aus Vorträgen, Aufführungen, Ausstellungen zu eröffnen.

„Er liebte die Franzosen, aber Frankreich enttäuschte ihn“

Dass es jedoch kein Rousseau-Jahr gibt, bedeutet: kein Kommissar im Namen des Staates, keine offiziellen Veranstaltungen und keine Gedenkzeremonien. Man beschönigt die Verlegenheit mit dem Euphemismus von „regionalen Feierlichkeiten“. Rousseau ohne Paris. „Er liebte die Franzosen, aber Frankreich enttäuschte ihn regelmäßig“, sagen die Crottets: „Jedes Jahr feierte er die Escalade“, den Tag, an dem das calvinistische Genf den Ansturm der Savoyer abwehrte. „Er war im Innersten Protestant und fühlte sich bis zum Tode als Genfer im Exil“, das keineswegs nur ein freiwilliges war. Öffentlich waren seine Bücher verbrannt worden.

Und noch 1912 wurde heftig darüber gestritten, ob sein zweihundertster Geburtstag ein Fest sei oder nicht doch eher ein trauriger Anlass. Inzwischen ist man ganz froh, dass Rousseau von Paris nicht als Franzose annektiert wird. Genf tut so, als hätte es sich mit seinem verjagten Sohn versöhnt. „Rousseau für alle“ lautet das Motto der kommenden Monate. Viel steht auf dem Programm. Und man hofft, aus dem kleinen Museum so etwas wie ein Literaturhaus zu machen. Im Sommer, als symbolischer Höhepunkt der Gedenkfeiern, wird das vom Bildhauer Jacques Pradier geschaffene Denkmal auf der Rousseau-Insel in der Rhone leicht versetzt: der berühmteste „Citoyen de Genève“ soll nicht mehr verloren auf den See blicken, sondern in die Stadt schauen.

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Jahrgang 1951, Kulturkorrespondent mit Sitz in Genf.

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