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Feuilleton-Glosse Gänsehaut

 ·  Bei den Olympischen Spielen werden Emotionen wach und deutlich beschrieben - als „Gänsehaut-Gefühl“. Was steckt dahinter? Und was hat der Haaraufrichtemuskel damit zu tun?

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Jeder weiß (hoffentlich), was Empfindungen sind. Und jeder weiß wahrscheinlich auch, woran man sie erkennt. Die Sache hat nur einen Haken: Der Mensch neigt auch hier zur Täuschung, zur Vorspiegelung von Tatsachen, die sich in Wirklichkeit ganz anders verhalten. Wie oft wird glattweg gelogen, Freude nur geheuchelt, und selbst die vor Schreck geweiteten Augen lassen sich zur Not noch irgendwie künstlich hinkriegen. Wer ganz sichergehen will, was in einem Menschen vorgeht, der sollte ein Organ ins Auge fassen, das in dieser Hinsicht nicht lügen kann - die Haut.

Gänsehautfeeling

Sobald Gefühle ins Spiel kommen, die diesen Namen auch verdienen, passieren auf und vor allem knapp unter ihr Dinge, über die sich Klarheit zu verschaffen die Gelegenheit gerade besonders günstig ist; denn jetzt, während sich die Olympioniken abrackern, ist wieder gehäuft von „Gänsehaut-Gefühl“ beziehungsweise - man ist ja in London - „Gänsehautfeeling“ die Rede, und zwar nicht nur bei den davon direkt Betroffenen, sondern auch bei ehemaligen Athleten, die das Ganze doch eigentlich etwas gelassener betrachten können. Egal. Was passiert bei so einer Gänsehaut? Als Erstes muss natürlich ein Gefühl her. Das bahnt sich vom Gehirn seinen Weg zum vegetativen Nervensystem, das dann direkt der Haut Signale gibt und dafür sorgt, dass auf ihr der Haaraufrichtemuskel (lateinisch musculus arrector pili) seines Amtes waltet, nämlich sich aufrichtet.

Und da in ihm immer ein Haar steckt - sonst hieße er ja nicht so -, muss dieses notgedrungen mit hoch. Man sollte meinen, dass diese Vorgänge für sich sprechen und es nicht nötig haben, sprachlich noch aufgepeppt zu werden. Man hat, wovon auch immer, einfach Gänsehaut; in ihr steckt das Emotionale schon mit drin, so dass man sich sprachlogisch auf der Ebene des Fußballers Andreas Möller („Ich hatte vom Feeling her ein gutes Gefühl“) bewegt, wenn man „Gänsehautfeeling“ sagt.

Gänsehaut ist übrigens, außer bei den Gänsen selbst, nur beim Menschen möglich und auch bei denen nur in den Gegenden, auf denen Haare anzutreffen sind, also nicht auf den Handinnenflächen oder unter den Füßen, aber da würde sie ja sowieso niemand sehen. Und Hunde sowie andere Primärhaarer haben dafür zu viel Fell, das sträubt sich dann einfach. Vielleicht ist es für die in London verbliebenen Olympioniken von Interesse, dass der Fachbegriff für Gänsehaut „Piloerektion“ lautet. Damit könnte man doch auch mal einen Sieg kommentieren.

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Jahrgang 1965, stellvertretender Leiter des Feuilleton.

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