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Feuilleton-Glosse Erkennungsdienst

 ·  In London bittet ein Kinderhilfswerk auf ungewöhnliche Weise um Spenden: nur Frauen wird ein Werbefilm gezeigt. Dass dafür Gesichtserkennung auf offener Straße erprobt wird, ist fatal.

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Auf der Londoner Oxfordstreet hängt seit Mittwoch ein ungewöhnlicher Werbeleuchtkasten in einer Bushaltestelle. Die eine amüsiert der Blick hinein, den anderen trifft es an einer empfindlichen Stelle. Es ist ein Gesichtserkennungssystem. Schaut eine Frau hinein, dann spielt sich ein Film ab, der um Spenden für das Kinderhilfswerk „PlanUK“ bittet. Er thematisiert die Chancenlosigkeit von Mädchen in vielen Ländern der Welt. Blickt ein Mann hinein, dann heißt es nur „Boy“, und der Link zur Internetseite der Organisation erscheint.

Das sei Diskriminierung, rufen Kritiker. Das Gerät vertauscht aber sympathischerweise auch gerne mal die Geschlechter. Dann muss auch Frau wieder unverrichteter Dinge abziehen. Und der Mann darf sich die hochmoralische Botschaft ansehen. Die aufgeregte Kritik erfüllt die Erwartungen der Werbemacher, die auf diese hübsche Debatte spekulierten. Sie lenkt jedoch fatalerweise von einer wichtigeren ab: Wie kann es sein, dass sich ein Kinderhilfswerk von der Werbeindustrie für die Erprobung von Gesichtserkennung auf offener Straße einspannen lässt? Die schützende Anonymität in den Städten war einmal ein hohes Gut, um das viele Bürger totalitärer Staaten Europa beneideten.

Ein trojanisches Pferd der Werbeindustrie

An der Sorglosigkeit, mit der sich Menschen auf ihren Straßen bewegen, lässt sich eine gesunde Gesellschaft festmachen. Das erfahren wir jeden Tag in Iran, wo sich die Menschen nur hinter vorgezogenen Gardinen sicher fühlen. London gehört mittlerweile zu den Städten mit der weltweit größten Anzahl an Überwachungskameras. Der moralisch unangreifbare Zweck des Spendensammelns wird hier jedoch von der Werbeindustrie wie ein trojanisches Pferd eingesetzt - was genauso problematisch ist wie Facebook, wo Nutzer dazu animiert werden, ihre Fotos mit Namen zu markieren. Für jede Gesichtserkennungssoftware ist es ein Leichtes, die Informationen aus dem Internet mit den eigenen Datenbanken zu verknüpfen.

Aber man sollte die naiven Nutzer dafür nicht verlachen: Früher haben ja auch viele erklärt, das Kassettendeck sei prima, sie wollten keinen CD-Spieler...Wer sich heute auf einen Job bewirbt, Projekte starten oder sich selbständig machen will, muss in sozialen Netzwerken präsent sein; nur sehr wenige Bereiche sind nicht davon betroffen. „PlanUK“ aber hat die Wahl und lässt sich trotzdem als Vermittler benutzen, um die Menschen an der Bushaltestelle an eine neue, bedenkliche Werbeform zu gewöhnen, die keine Trennung zwischen digitaler und analoger Information zulässt.

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23.02.2012, 18:12 Uhr

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