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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Festtagsstimmung Wie digital darf Weihnachten sein?

 ·  Das ganze Jahr über hängen wir am Tropf der digitalen Medien. Nur an Weihnachten besinnen wir uns bei knisterndem Kaminfeuer unserer analogen Wurzeln. Sind unsere Gefühle noch echt, wenn die Nostalgie in 3D daherkommt?

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© ddp images Von Goethe über Thomas Mann bis zu Ingmar Bergmanns „Fanny und Alexander“: Das Puppentheater war die Schule der Künstlerexistenz

Auch wenn Papst Benedikt XVI. kürzlich mit dem Twittern begonnen und schon im vergangenen Jahr den größten Weihnachtsbaum der Welt mit Hilfe eines Tablet-Computers entzündet hat, auch wenn die heilige Geschichte in Kindergottesdiensten mittlerweile mit Beamer und Laptop an die Kirchenwand projiziert wird, möchte man die These verteidigen, dass Weihnachten die analogste Zeit des Jahres ist.

Durch die längst inflationär gewordene Verwendung der Begriffe „analog“ und „digital“ wird einem diese Behauptung geradezu aufgedrängt, ohne dass man genau wüsste, was sie eigentlich so verführerisch erscheinen lässt. Im allgemeinen Sprachgebrauch, so viel steht fest, ist „analog“ bislang jedenfalls kein Schimpfwort für haarsträubende Rückständigkeit. Eher ist der Begriff, ausgehend von seiner ursprünglichen Bedeutung als stufenlos veränderbares, physisches Übertragungssignal in Abgrenzung vom digital-abstrakten zum Synonym für alles Haptische, Entschleunigte, Nostalgieerweckende geworden, für alle medialen Störanfälligkeiten, die wir im Lauf der Jahre liebgewonnen haben, also zum Beispiel auch die Familie: das Analoge schlechthin.

Weltgeist mit Weihnachtsmannbart

In der von digitalen Signalen durchdrungenen Welt bringt uns das Analoge, so könnte man sagen, aus dem berechnenden Tritt, zwingt uns, Übertragungslücken zu schließen, kooperativ zu sein, zu improvisieren, uns der Kategorie des Lebendigen auszusetzen. Wobei wahrscheinlich gerade wir Deutsche uns als gelehrige Schüler von Goethes Symbol-Denken erweisen, in dem sich die Erkenntnis des Allgemeinen nur in der Anschauung des Besonderen, Natürlichen einstellt. Im Geist der biblischen Geschichte wollen wir an Weihnachten nicht durchgezählt werden. In den Stall von Bethlehem mit all seinen Sinneseindrücken wollen wir aber trotzdem.

Plötzlich, im Advent, sind wir ganz versessen auf das HiFi-Knistern alter Knabenchor-Schallplatten, schreiben Weihnachtskarten mit dem Füllfederhalter, statt uns die Finger wund zu tweeten, backen mit den Kindern Plätzchen, schmoren Braten, singen Lieder, schlagen Bäume, entzünden Kerzen und Esbitwürfel für die Miniatur-Dampfmaschine mit ihrem fröhlich pfeifenden Charme des Frühindustriellen - irgendwoher, so lernen die Kinder dabei, muss die ganze Energie für das große Konsumfest ja kommen.

Entertainment und zwischenmenschliche Kontakte könnten wir natürlich viel einfacher und billiger haben, nämlich digital: Weihnachts- und Familienfilme in der Flatrate, neue Freundschaften auf Facebook, das Fest mit Industriesüßigkeiten vor dem Bildschirm. Das wollen wir, wenn wir etwas auf uns halten, im Advent aber nicht. Mit Inbrunst bringen wir einem imaginierten Weltgeist mit Weihnachtsmannbart kleine analoge Opfer dar, damit er uns die digitalen Maßlosigkeiten der letzten Monate verzeihen möge - eine Fortführung des verinnerlichten „Guck nicht so viel Fernsehen!“ oder der Warnung Christian Buddenbrooks an seinen Neffen Hanno: „Hänge deine Gedanken nur nicht zu sehr an solche Sachen . . .“.

Das Aroma des Festes

Die beliebtesten Weihnachtsgeschenke in Europa sind laut einer neuen Umfrage noch immer Bücher und Spiele. Befindet sich eine DVD auf der Wunschliste, ist es im Idealfall „Hugo Cabret“, ein in mechanischen Gegenständen schwelgender Nostalgiefilm, der sein analoges Grundgefühl einer fast schon hypertrophen digitalen Technik verdankt. Weihnachten wollen wir im Grunde noch immer wie bei Thomas Mann oder in Ingmar Bergmanns autobiographischer Familienchronik „Fanny und Alexander“ begehen. Wobei die dort dargestellten Feierlichkeiten wohl auch deswegen so lebhaft in der Erinnerung bleiben, weil sie im Grunde ein Ausbüchsen aus einer übersteigert protestantischen, tendenziell bilderlosen und kalkulierenden Weltsicht darstellen.

In den „Buddenbrooks“ gibt es zwei ausführlich beschriebene Weihnachtsfeste, und genauer betrachtet, wird keines von beiden wirklich naiv gefeiert. Schon das von 1870 in der Lübecker Mengstraße ist ein sentimentalisch grundiertes Fest, bei dem die Familie die Zeiten und Sitten des alten Konsuls nachahmt, in die sie - geschichtsphilosophisch ist diese Figur vertraut und durchzieht den gesamten Roman - zurück möchte, aber nicht kann. Oder nur für einen Moment, denn lediglich in den ersten Stunden des „weihevolle(n) Programms“ gelingt es dem „ein wenig spärliche(n) Nachwuchs“, die von der Konsulin gewünschte andächtige Stimmung zu bewahren. Eingeleitet wird die Zeremonie dabei von herüberwehenden Drehorgelklängen, „geläufig und wehmütig“. Das sinnliche Zentralerlebnis des Abends aber ist ein geruchliches: der gleich viermal erwähnte Duft der Tannenbäume, das „Aroma des Festes“, durch kein digitales Äquivalent zu ersetzen.

Verfall eines Familienfestes

Und dann ist da noch die „große Bibel“ mit „altersbleiche(r) Goldschnittfläche“, aus welcher die Konsulin die Weihnachtsgeschichte vorliest und deren Aura durch keinen Tablet mit noch so täuschender 3D-Attrappe erzeugt werden könnte. Weniger individuell hingegen sind Hannos Weihnachtsgeschenke, das Puppentheater und das Harmonium, zu denen sich aus heutiger Sicht mit der Playstation und dem digitalen Klavier erfolgreich virtuelle Pendants durchgesetzt haben. Wobei schon Hanno sich am Heiligen Abend von einem multifunktionalen „Federhalter“ angezogen fühlte, „an dem sich irgendwo ein winziges Glaskörnchen befand, das man nur vors Auge zu halten brauchte, um wie durch Zauberspiel eine weite Schweizerlandschaft vor sich zu sehen“.

Der Übergang zur digitalisierten Welt und der mittels Computerbrille erzeugbaren „augmented reality“, ein voraussehbarer Trend des Jahres 2013, ist hier schon angedeutet. Und wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass bei den mittleren Jahrgängen der Festgesellschaft schon kurz nach Erwähnung dieser Gaukelspiele die feierliche Stimmung verfliegt. „Ängstliche und wirre Gedanken“ an „Usancen“ und „Buchführung“ kommen auf, der Abend endet - auch das werden viele nachfühlen können - mit einer Natron-Einnahme nach übermäßigem Verzehr von „Mandel-Crème und Plumcake“.

Die zweite Weihnachtszeremonie spielt dann schon in dem neuen Haus in der Fischergrube, ohne die verstorbene Konsulin, ohne Großfamilie, Armenspeisung und Knabengesang. Und am Schluss des nüchternen Zeremoniells heißt es dann nur noch lapidar: „Dann hatten Buddenbrooks diesen Weihnachtsabend hinter sich, und sie waren beinahe froh darüber.“ Der Verfall des Weihnachtsfests verläuft hier parallel zum Verfall einer Familie.

Das Beispiel der Lübecker Drehorgelmänner

Fast die gleichen Utensilien wie in der Lübecker Mengstraße finden wir hingegen in der Weihnachts-Dramaturgie von Ingmar Bergmans „Fanny und Alexander“ wieder: Ein leuchtendes Kerzenmeer, das die großbürgerlichen Kulissen der verwitweten Prinzipalin Helena Ekdahl beleuchtet, es erklingen Kammermusik und ein Harmonium, und all das wird derart süffig dargeboten, dass man auf diesen Film an Weihnachten unter keinen Umständen verzichten möchte. Doch auch hier - wir schreiben das Jahr 1907 - setzen sich das Gaslicht und die petroleumgetriebene Laterna Magica schon merklich gegen das frisch geschenkte Puppentheater im Kerzenschein durch.

Die Pointe einer analog-digitalen Betrachtungsweise aber ist, dass sowohl bei den Buddenbrooks als auch bei den Ekdahls an zentraler Stelle bereits echte digitale Musik zu hören ist. Ist es in „Fanny und Alexander“ eine Spieluhr, die Weihnachtsstimmung auf Abruf verschafft, war es bei den Buddenbrooks die erwähnte Drehorgel, deren Technik wie die frühen Computer auf Lochkarten, also einem binären System beruht und deren Klänge von italienischen Gastarbeitern stammen, die „zum Feste herbeigekommen waren“, um letztlich maschinell ein Bedürfnis nach Musik zu befriedigen, das rein gesanglich oder instrumentell nicht mehr zu bewältigen wäre.

Die von Thomas Mann und Ingmar Bergman inszenierten Weihnachtsfeste zeigen, wie gut es sich ohne Digitalisierung leben lässt. Allerdings macht das Beispiel der Lübecker Drehorgelmänner auch deutlich, dass letztlich nichts so sehr dem Digitalen Vorschub leistet wie das Massenfest Weihnachten. Im Mittelater gab es den mehrfachen Schriftsinn. Heute müssen wir wohl einen mehrfachen Signal-Sinn entwickeln, um die analogen von den digitalen, und - wenn man an das Weihnachtsfest denkt -, von den metaphysischen Botenstoffen zu unterscheiden, Mischungsverhältnisse abzuwägen und für sich selbst und die Gesellschaft das Richtige zu finden. An Weihnachten lernen wir, dank der Beharrungskräfte dieses Festes, immer wieder aufs Neue die Vorzüge eines analog-individuellen Lebensgefühls zu schätzen. Es wäre gut, wenn Weihnachten die analogste Zeit des Jahres bliebe.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Feuilleton.

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