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Fernsehserie „Top of the Lake“ : Der See ist ihr Schicksal

Keinen Schritt weiter: Tui (Jacqueline Joe) geht ins Wasser. Vorläufig wird sie gerettet, dann verschwindet sie. Das Verwirrspiel von „Top of the Lake“ beginnt Bild: Arte/See-Saw

Verbrechen und andere Kleinigkeiten: An zwei Abenden zeigt Arte „Top of the Lake“ von Jane Campion. Vor urwüchsiger Kulisse entfaltet die sechsteilige Serie über ein verschwundenes Mädchen eine beklemmende Atmosphäre.

          Ein junges Mädchen steht am See, streift seinen Mantel ab und - geht ins Wasser. Ganz langsam schreitet es voran, bald steht ihm das Wasser bis zum Hals. Wäre nicht eine Lehrerin in einem gerade vorüberfahrenden Bus auf sie aufmerksam geworden, die kleine Tui (Jacqueline Joe) wäre wahrscheinlich weitergegangen. Zwölf Jahre ist sie alt. Und schwanger.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Sie ist vergewaltigt worden. Reden will sie mit den grobschlächtigen Polizisten, die sie regelrecht ins Verhör nehmen, nicht. Nur mit der jungen Polizistin Robin Griffin (Elisabeth Moss) spricht sie. Robin ist gerade aus Sydney nach Neuseeland, in ihren Heimatort Laketop, zurückgekehrt, um ihrer krebskranken Mutter beizustehen. Mit Verbrechen an Kindern kennt sich die Polizistin aus - auch, wie wir später erfahren werden, aus eigener Erfahrung, die sie bis heute prägt. Tui muss zurück zu ihrer Familie, zu ihrem Vater Matt Mitcham (Peter Mullan), dem örtlichen Drogenbaron, nach dessen Pfeife der nur scheinbar unbescholtene Polizeichef Al Parker (David Wenham) tanzt.

          Tui (Jaqueline Joe) flieht, aber vor wem? Und warum trägt sie ein Gewehr auf dem Rücken? Bilderstrecke

          Wenig später ist Tui verschwunden, die Fahndung nach ihr leitet Robin. Nach und nach ist das ganze Dorf in die Ermittlungen verstrickt, inklusive der neun vom Leben - und vor allem den Männern - frustrierten Damen, die sich im Gefolge der stoischen GJ (Holly Hunter) am Ufer des Sees niedergelassen haben. Ihre Wohncontainer haben sie an einem Flecken abgestellt, der „Paradise“ heißt. Doch paradiesisch ist nur die Landschaft. Die Menschen, die sie bevölkern, machen sich das Leben gegenseitig zur Hölle.

          Ein Hauch von Lynch

          Das ist die Exposition der sechsteiligen Miniserie „Top of the Lake“ der neuseeländischen Regisseurin Jane Campion („Das Piano“, Goldene Palme in Cannes), mit der sich Arte eine Scheibe vom Qualitätsserienboom abschneiden will. An zwei Abenden nimmt der Kultursender die Serie mit jeweils drei Stunden ins Programm. Das ist genau die richtige Dosis, um den Sog, den „Top of the Lake“ entwickelt, zu portionieren. Man könnte die sechs Folgen auch an einem Stück zeigen, denn lange warten will man auf den Fortgang der Geschichte nach dem jeweiligen Kapitel nicht. Dafür ist die Geschichte (Buch Jane Campion und Gerard Lee; Regie Jane Campion und Garth Davis) zu dicht, sind die Charaktere zu vielschichtig, spielt das Ensemble zu intensiv, kann der Bildschirm für die Aufnahmen des Kameramanns Adam Arkapaw gar nicht groß genug sein.

          In dem Sittengemälde in sechs Akten sind die Kräfte und Geschlechterrollen allerdings eindeutig verteilt. Die Frauen kämpfen um ihre Unabhängigkeit, machen sich vielleicht lächerlich, sind verletzbar, aber kämpfen einen gerechten Kampf - die kleine Tui genauso wie ihre große Seelenverwandte Robin und die zynische GJ, deren Anhängerinnen sie für eine Art Guru halten. Die Männer sind - bis auf eine Ausnahme - zu nichts zu gebrauchen, nicht einmal für ordentlichen Sex, gewalttätig, tumb und leer, selbst schuld an ihrer seelischen Zerstörung - allen voran der von Peter Mullan verkörperte Lokalmafiaboss Matt Mitcham.

          Nicht von ungefähr erinnert „Top of the Lake“ an den Kunstserienklassiker „Twin Peaks“ von David Lynch. Hier wie dort werden wir in ein Labyrinth geführt, voller Abgründe, wobei die Volten, mit denen Jane Campion aufwartet, nicht ganz so unwahrscheinlich sind wie diejenigen bei Lynch. Leben wollte man in Laketop angesichts der obwaltenden Verhältnisse lieber nicht, vielleicht nicht einmal dorthin in Urlaub fahren, in dieses vermeintliche Paradies am Ende der Welt. Für ein sechsstündiges Fernsehepos mit allen Höhen und Tiefen hingegen ist es genau das Richtige.

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