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Fernsehkritik: „Polizeiruf“ Wirklichkeit macht Angst

19.02.2012 ·  Der Rostocker „Polzeiruf 110“ überzeugt durch Alltäglichkeit. Autor Eckhard Theophil steht auf nackte Realität, die auch in seinem eigenen Lebenslauf wieder zu finden ist.

Von Oliver Jungen
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Wie gut doch ein deutscher Fernsehkrimi sein kann: Nichts an dieser „Polizeiruf“-Episode des vor zwei Jahren installierten Rostocker Teams Bukow und König ist albern, peinlich oder öde, wie man das sonntags längst hinzunehmen gewohnt ist. Es ist einer jener seltenen Glücksfälle, in denen alles zusammenpasst.

Ein Flüchtlingskind aus Königsberg wird erwachsen, versucht sich als Kellner, landet aber auf St.Pauli und schnell im Milieu. Acht Jahre Haft wegen schweren Raubes. Der junge Mann holt im Gefängnis die Fachhochschulreife nach, studiert Pädagogik und wird Sozialarbeiter, bis ihm das nach fünfzehn Jahren nicht mehr reicht. Das ist nicht die Handlung dieses Films, es ist die Lebensgeschichte des Autors. Eckhard Theophil absolvierte mit knapp fünfzig ein Filmaufbaustudium. Seither schreibt er Drehbücher, in denen die nackte, ehrliche Realität das letzte Wort hat.

Der Verdienst liegt im Unscheinbaren

Auch dieser „Polizeiruf“ ist eine Milieustudie. Einige Szenen spielen in einem (echten) Gefängnis, die meisten, sofern nicht im Krankenhaus oder in der rekordverdächtig unansehnlichen Polizeidienststelle, in der Halbwelt, die mit ihren abgeratzten Kneipen und traurigen Privatpuffs unglamouröser nicht sein könnte. Im Mittelpunkt steht eine Gruppe ungleicher Krimineller, die vor Jahren einen Überfall begangen hat und nun von den Spätfolgen eingeholt wird.

Dass diese Handlung ganz und gar unspektakulär wirkt, ist ihr größtes Verdienst. Lösen andere Fernsehkommissare stets abstruse Verwicklungen, wobei sie in letzter Sekunde die harmloseste Nebenfigur anhand eines scheinbar ingeniös interpretierten, in Wahrheit aber elefantendick ausgelegten Hinweises als Täter entlarven, so herrscht hier vornehme Zurückhaltung an der Plotfront. Auch stößt nichts Schulmeisterliches auf, während sonst offenbar zwingend Scientology, Rechtsradikalismus, Magersucht oder die Pharmalobby mitverhandelt werden müssen.

Stattdessen entfaltet sich ein psychologischer Krimi. Subtil ringen Triebkräfte miteinander, der Kampf verlagert sich ins Innere der Personen. Das größte Lob gebührt diesem „Polizeiruf“ denn auch für sein überragendes Figurenensemble: aggressive und gutmütige Gewalttäter, überforderte Polizisten, die einen Fehler nach dem anderen begehen, kaltherzige Eltern, schmierige Lackaffen, schutzlose Konvertiten, und das alles intensiv und glaubwürdig. Modelliert hat diese Charaktere Regisseur Christian von Castelberg, der, ebenfalls ein Spätberufener, als Chemiker gewissermaßen von den Elementen herkommt. Die Figuren sind überzeichnet, ohne verzerrt zu sein: nicht Karikaturen, sondern Hyperrealismus, die ganz eigene Komik amerikanischer Serien wie „Breaking Bad“.

Wenn Kompetenzen überschritten werden

Für die Rolle des schlimmsten Schlägers hat der Regisseur jemanden verlangt, so steht es im Beiheft, der ihm Angst mache. Das ist gelungen: Gerdy Zint (auch ein Quereinsteiger) spielt den jungen Choleriker Mirco beinahe als Borderliner, zumindest als jemanden, der bei geringstem Anlass jede Hemmung verliert. Es ist einer jener beklemmenden Charaktere, gegen die kein Kraut gewachsen ist, weil sie nicht einmal Selbsterhaltungsrationalität kennen: Mirco scheint auf sein Leben nicht viel zu geben, was ihn immun macht gegen alle Abschreckung und zur tödlichen Gefahr selbst für seine Komplizen.

Das Erstaunlichste an diesem „Polizeiruf“, die Entscheidung, eine der beiden Hauptfiguren ins künstliche Koma zu versetzen, hat einen guten Grund: Anneke Kim Sarnau war schwanger, doch ihre Figur sollte es nicht sein. So trifft Profilerin Katrin König, deren interne Ermittlungen gegen Kollege Alexander Bukow gerade abgeschlossen sind, gleich zu Beginn eine Kugel. So wird Kollege Thiesler (Josef Heynert) zur zweiten Zentralfigur. Bukow, ein wenig verliebt in Frau König, macht sich die größten Vorwürfe, weil er sie nicht ordentlich gesichert hat. Das erlaubt Charly Hübner, seinen Charakter noch eine Spur einzelgängerischer, mürrischer und „Taxi Driver“-mäßiger zu spielen. Ständig überschreitet er Kompetenzen, das aber meist kontraproduktiv. Mitnichten wird hier also eine Lichtgestalt über dem Gesetz entworfen, eher schon unterminiert der aus Bukows dunkler Vergangenheit stammende Faustrecht-Impuls seine neue Identität.

Das Titelzitat aus dem Galaterbrief bezieht sich nicht nur auf den Schuld-und-Zuneigungs-Chiasmus zwischen den Hauptfiguren. Spiegelbildlich geht es auf der Gegenseite um die Verweigerung des Anspruchs, für den anderen einzustehen: die entscheidende Schwäche. Die spannendste Figur ist die junge Sozialarbeiterin Jessica Schulz, die der Autor nach der eigenen Biographie entwarf: Sie schaffte den Ausstieg aus dem Milieu, aber gerettet ist sie damit noch nicht. In ihrer Brüchigkeit faszinierend verkörpert wird sie von Maria Kwiatkowsky, die es schafft, gleichzeitig Verlorenheit und Willenskraft auszustrahlen. Damit sind wir beim traurigsten Kapitel dieses so wirklichkeitsprallen und feinsinnigen „Polizeirufs“, denn Maria Kwiatkowsky, die aufstrebende Berliner Volksbühne-Schauspielerin, die mit dem eigenen Leben jedoch nicht so leicht fertig wurde, starb kurz nach den Dreharbeiten mit erst sechsundzwanzig Jahren. „Einer trage des anderen Last“ ist ihr letzter Film.

Der Polizeiruf 110. „Einer trage des anderen Last“ läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

Quelle: F.A.Z.
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