Meistens wird nach Fernsehgesprächen, um das zutreffende Wort „Talkshow“ zu umgehen, über die Mitteilungen auf dem Podium geredet. An dieser Sendung mit Helmut Schmidt und Peer Steinbrück war jedoch das Klatschen und das Gelächter des Studiopublikums am aufschlussreichsten. Zum Beispiel als Helmut Schmidt seine zwei guten Gründe für staatliches Schuldenmachen erklärte. Denn nachdem er ausgeführt hatte, dass Dänemark legitimerweise Kredite für den Bau großer Brücken aufgenommen hätte, meinte Günther Jauch, in Deutschland sei aber von solchen Brücken wenig zu sehen. Zustimmendes Gelächter.
Gelächter aus einem Volk, das seit jeher viel Wert legt auf seine Autostraßen, seine Fußgängerzonen, seine Flughäfen. Und das von seinen Politikern noch stets bekommen hat, worauf es Wert legt. Gelächter, das so tut, als seien die Deutschen in den zurückliegenden Jahrzehnten von der Politik um öffentliche Investitionen betrogen worden. Als habe die ganze Schuldenmacherei einfach nur zugunsten der falschen Projekte stattgefunden. Als könnten ein paar Brücken mehr – und Hauptbahnhöfe und Schnellstraßen und Zubringer – uns mit der fiskalischen Kreditaufnahme aussöhnen. Als wäre der brückenbauende Wohlfahrtsstaat gegenüber dem griechenrettenden oder dem arbeitslosenstützenden Wohlfahrtsstaat substanzieller. Weil es dann ja einen Gegenwert gäbe, schien das Gelächter zu meinen.
So weit, so lachhaft. Wer nicht weiß, wohin er will, freut sich einstweilen, dass Straßen gebaut werden. Eine Sendung über den Fetisch betonierter Infrastruktur würde sich lohnen. Eine Diskussion über Prioritäten des Wohlfahrtsstaats steht aus.
„Ja, Papa“
Unheimlich hingegen wurde der Beifall, als Günter Jauch den Altbundeskanzler sehr präzise auf eine Passage seines Buches ansprach, das er gerade zusammen mit Peer Steinbrück veröffentlicht hat. Darin teilt Helmut Schmidt mit, in anderen Weltregionen werde nicht Demokratie als das Dringlichste wahrgenommen. Gewiss, hieß das, in China gebe es keinen Rechtsstaat und keine Meinungsfreiheit, aber, so der hanseatische Preußenimperativ, jeder solle auf seine Facon selig werden. Großer Applaus.
Unheimlich war der, weil er inmitten der europäischen Krise das spezifische Gewicht der Demokratie angab. Hauptsache Lebensstandard, lautet die Devise. Da die Weltfinanzmärkte ohnehin undurchsichtig sind, lohnt es sich auch kaum, Meinungen über sie zu entwickeln. Das Gleiche gilt für die Frage, wer Schuld an der Krise trägt. Und wenn man realistischerweise sowieso keine Meinungen hat, ist Meinungsfreiheit so wichtig nun auch wieder nicht. Lieber ein aufsteigender Chinese als ein absteigender Europäer. So scheint jener Applaus zu denken, oder wenigstens zu fühlen.
Es gereicht Peer Steinbrück, der sich ansonsten durchweg mit wiederholtem „Ja, Papa“ als braver Sohn Helmut Schmidts und als Sechzigjähriger fast unerwachsen gab, zur Ehre, dass er an dieser, nur an dieser Stelle widersprach. Die Erhaltung der Europäischen Union, ließ er wissen, diene nicht nur ökonomischen Zwecken. Verwaltungsgerichte, also die Möglichkeit, gegen den Staat zu klagen, und Meinungsfreiheit seien auch etwas. Von der fiskalischen Krise Europas werde auf sein Modell politischer Lebensführung geschlossen. Wenn Steinbrück, der unter einem Kanzler diente, dem solche Erwägungen am Hinterteil vorbeigingen, das ernst meint, war es die Mitteilung des Abends. Lieber von Moody’s abgewertet als ein Sklave.
Ich finde Kredite nicht verwerflich.
Alex Zunker (zunker)
- 25.10.2011, 06:02 Uhr
Leider kann der fatalistische Beitrag von Nils Mankmar im Feuillton vom
22.10.2011 nicht mehr
gisbert heimes (gisbert4)
- 24.10.2011, 18:21 Uhr
Demokratie und Kapitalismus
Gregor Keuschnig (GregorKeuschnig)
- 24.10.2011, 15:25 Uhr
Jauch ein zahnloser Tiger
David Hrbrn (der_humpeldump)
- 24.10.2011, 15:02 Uhr
Kein Visionär
Stefan Arpia (Arpia)
- 24.10.2011, 14:11 Uhr