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Fernsehfilm-Festival Dieser Jahrgang kann sich sehen lassen

20.11.2011 ·  Beim Festival des Fernsehfilms in Baden-Baden gab es mehr Sieger als Preise. Am Ende aber schockierte ein Jungregisseur mit einem Film über ein Mädchen aus der Neonazi-Szene.

Von Jochen Hieber
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Die zwölf Fernsehspiele, die im Wettbewerb des 23. Fernsehfilm-Festivals in Baden-Baden um den Hauptpreis konkurrierten, wurden während des vergangenen Jahres in der ARD, im ZDF, bei Sat.1, im ORF, im Schweizer Fernsehen, auf Arte und bei 3sat erstmals ausgestrahlt und dürften dabei in der Summe deutlich mehr als dreißig Millionen Zuschauer erreicht haben. Wir haben es also mit dem publikumswirksamsten aller künstlerischen Genres zu tun. Und da sich fast jeder Wettbewerbsfilm einem aktuellen politischen oder gesellschaftlichen Thema stellte, wurde das Festival überdies zum Indikator für mögliche ästhetische Zugänge zur unmittelbaren Gegenwart.

Der jüngste Jahrgang des Fernsehfilms ist in der Tat bemerkenswert. Mindestens die Hälfte der in Baden-Baden gezeigten Beiträge wäre preiswürdig gewesen. Dass am Ende in allen drei Kategorien - dem Hauptpreis der Jury, dem Preis der Filmstudenten und dem Publikumspreis von 3sat - mit dem Cyber-Mobbing-Drama „Homevideo“ derselbe Sieger gekürt wurde, entspricht deshalb keineswegs der Bandbreite des Beachtlichen. Gewiss, „Homevideo“ (Regie: Kilian Riedhof) führt beklemmend vor, wie sich die Freiheit des Internets angesichts jugendlicher Blauäugigkeit in den Horror der Exhibition verwandeln kann. In seinem letzten Teil verliert der Film jedoch an psychologischer Plausibilität. Da er vor wenigen Wochen bereits beim Deutschen Fernsehpreis ausgezeichnet wurde, steht er nun etwas überbewertet da.

Besser war dieser Schauspieler nie

Unverdient leer ausgegangen ist demgegenüber etwa Franziska Meletzkys „Es ist nicht vorbei“, die präzise Rückblende auf eine opportunistische Arztkarriere in der DDR, die sich nach der Wende bruchlos im Westen fortsetzt. Gefährdet sieht sie sich, zwanzig Jahre nach dem Mauerfall, durch die zufällige Begegnung des inzwischen professoralen Neurologen Limberg mit seinem einstigen Opfer, des Häftlings Carola Weber aus dem Frauengefängnis Hoheneck. Ulrich Noethen und Anja Kling verkörpern die Hauptrollen exorbitant gut, das Drehbuch von Kristin Derfler und Clemens Murath ist ohne Makel.

Unverdient leer ausgegangen ist auch „Die letzte Spur - Alexandra, 17 Jahre“, eine höchst erstaunliche Koproduktion des Privatsenders Sat.1 mit dem öffentlich-rechtlichen ORF. Ort der Handlung ist das Donaustädtchen Krems. In der realen Kulisse spielt der Regisseur Andreas Prochaska so virtuos wie unaufdringlich mit Motiven aus „Twin Peaks“, der Kultserie von David Lynch aus den neunziger Jahren. Als Vater der nach einer Partynacht verschwundenen Alexandra (Emilia Schüle) verbindet Richy Müller innere Panik mit verstandesklarer Beherrschtheit. Besser war dieser Schauspieler nie.

Schweizer Komödien sind in Baden-Baden stets für eine Überraschung gut. Siegte im vergangenen Jahr die junge Regisseurin Petra Volpe mit „Frühling im Herbst“, einem ländlichen Liebesreigen, so überzeugte das Schweizer Fernsehen dieses Mal mit „Vater, unser Wille geschehe“, dem höchst skurrilen Lustspiel um einen Pfarrer, der aus dem Wachkoma heraus Wunder über Wunder wirkt. Beste Dürrenmatt-Tradition ist hier am Werk, der Sonderpreis, den die Jury für diesen Film auslobte, war mehr als verdient.

Nicht minder gilt das für „Kasimir und Karoline“, ein Theaterfilm nach Ödön von Horvaths „Volksstück“ von 1932. Bruch- und mühelos gelingt es Buch (Michael Klette) und Regie (Ben von Grafenstein), Horvaths Oktoberfest-Handlung ins München des Jahres 2010 zu verpflanzen. Alles überragend ist die Kamera von Ralf Noack. Die nicht selten ins Surreale gesteigerte Farbigkeit der Bilder zeigt das größte Volksfest der Welt als opulenten Sinnenrausch wie als trostfernen Hort der Einsamkeit.

Mehr Sachlichkeit ist erwünscht

Zum vorletzten Mal wurde das Festival vom jetzt siebenundsechzig Jahre alten Medienjournalisten Karl-Otto Saur organisiert - 2013 soll die Berliner Fernsehpublizistin Klaudia Wick das Ruder übernehmen. Spätestens bis dahin sollte der Veranstalter, die in Darmstadt ansässige Deutsche Akademie der Darstellenden Künste, einige überfällige Reformen realisieren. Das gilt zumal für die Zusammensetzung der Jury und deren öffentliches Debattenritual nach den einzelnen Filmen.

Juroren waren in diesem Jahr die Produzentin Noemi Schory, die Regisseurin Doris Metz, die Schauspielerin Martina Gedeck, die Autorin und Moderatorin Elke Buschheuer sowie der Schriftsteller Albert Ostermaier. Man tritt ihnen nicht zu nahe, wenn man ihre Äußerungen für eher geschmäcklerisch als analytisch erachtet, für eher emotional als filmästhetisch, zudem schwelgten die jeweiligen Preisbegründungen am Ende etwas zu bereitwillig in bombastischen Formulierungen. Sinnvoll wäre es, künftig auf strengere Sachlichkeit sowie auf die Unabhängigkeit der Juroren gerade von den merkantilen Seiten des Fernsehfilms zu achten - wer äußert sich schon frank und frei über den Redakteur eines Senders, den Regisseur eines Films oder einen Schauspieler-Kollegen, wenn man sich absehbar auf anderem Terrain wiederbegegnet? Dringend trennen sollte man zudem die Diskussion der Jury von der beifallumrauschten Vorstellung der jeweiligen Filmemacher und deren Einlassungen in eigener Sache.

Wem soll das Miteinander schaden?

Am letzten Tag des Festivals konkurrieren vier Debütfilme um den Nachwuchspreis der Medien- und Filmgesellschaft Baden-Württemberg. Dabei bestach dieses Mal die Milieustudie „Kriegerin“ des Regisseurs David Wnendt. Die junge Alina Levshin spielt diese Kriegerin Marisa, deren Feinde wahllos Ausländer, Asylbewerber oder Zufallspassagiere im Vorortzug sind. Ihr Stolz ist das „Nazibraut“-T-Shirt, ihr Ersatz-Zuhause die Neonazi-Szene irgendwo in der ostdeutschen Provinz. Wnendts Film, im vorigen Jahr entstanden, wäre noch vor wenigen Tagen als zu plakativ empfunden worden, nun wirkt er, samt der nackten und brutalen Gewalt, die er zeigt, als Menetekel von äußerster Aktualität. Das ZDF, das „Kriegerin“ mitfinanzierte, sollte den Film bald zeigen.

Für ihr jahrzehntelanges Fernsehschaffen erhielt Senta Berger zum Abschluss den Hans-Abich-Preis, der an den ehemaligen Fernsehdirektor der ARD erinnert. In ihrer Dankrede, die anrührend und sehr genau bedacht war, plädierte sie für das Ende aller Feindseligkeiten zwischen Fernseh- und Kinofilm. Es ist das Kino, das sich den Hochmut vor dem einst verachteten Mindermedium Fernsehen nicht mehr leisten kann. Nicht wenige der Wettbewerbs- wie der Nachwuchsfilme, die jetzt in Baden-Baden zu sehen waren, hatten, vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen maßgeblich unterstützt, ihr Debüt im Kino. Wem also sollte das Miteinander schaden?

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Jahrgang 1951, Redakteur im Feuilleton.

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