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ZDFneo : Fernsehen für Menschen, die nicht mehr fernsehen

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Hingerissen zwischen Scheu und Neugier: Der Pottwal aus dem Doku-Programm von ZDFneo gleicht dem umworbenen Zuschauer Bild: Wilfried Steffen

Mit einem digitalem Ableger möchte das ZDF neue Zielgruppen erschließen. Die Auslagerung eines Programms für 25- bis 50-Jährige wirkt verzweifelt, ist aber ein notwendiger und ehrenwerter Versuch.

          Das Merkwürdige ist: Menschen, die besonders gerne Fernsehen gucken, gucken kein Fernsehen mehr. Sie lassen sich von Online-Händlern paketeweise DVDs nach Hause schicken, suchen nach verschlungenen Wegen, sich amerikanische Serien online ansehen zu können, jonglieren mit Festplattenrekordern und Satellitenschüsseln, um Programme zu finden, die man nicht nur laufen lassen kann, sondern die begeistern, überraschen, aufwühlen, anregen, irritieren.

          Das Problem ist: Für das Fernsehen sind das nicht genug. Damit sich Fernsehen rechnet, müssen viele Menschen davor sitzen, Hunderttausende, Millionen. Als Vox vor fünf Jahren damit begann, die herausragende amerikanische Serie „Six Feet Under“ zu zeigen, schaltete regelmäßig eine Dreiviertelmillion ein. Das sind zu wenige.

          Woche für Woche kann man über Sendungen lesen, die eingestellt wurden, weil sie nur ein, zwei Millionen Zuschauer erreicht haben (die Meldungen stehen dann in Zeitungen, die gerade einmal ein Bruchteil davon an Lesern haben). Um in dem sich zersplitternden Fernsehmarkt überhaupt eine Chance zu haben, müssen selbst die kleineren Sender versuchen, so massentauglich wie möglich zu sein. Und das heißt: Sendungen produzieren, die von so vielen Menschen wie möglich gerade noch gut genug gefunden werden, um sie einzuschalten.

          Rasant, klug, albern und hervorragend besetzt: „30 Rock” mit Alec Baldwin (l.), Tina Fey und Tracy Jordan

          Genau die richtige Nische

          Es gibt, mit anderen Worten, eine vielleicht kleine, aber sehr markante Leerstelle im deutschen Fernsehen, und durch dieses Loch rutschte zum Beispiel „30 Rock“. „30 Rock“ ist eine preisgekrönte amerikanische Komödie über den turbulenten Alltag hinter den Kulissen einer Comedyshow. Sie ist rasant, klug, albern und besetzt mit hervorragenden Schauspielern wie Alec Baldwin und Tina Fey, die mit ihrer Sarah-Palin-Parodie im vergangenen Jahr auch in Deutschland auffiel. Es gibt einen ziemlichen Hype um „30 Rock“, aber im deutschen Free-TV fand sich kein Privatsender, der das ausstrahlen wollte.

          „Mit gutem Grund“, sagt Norbert Himmler, „30 Rock“ sei bei uns schon ein Nischenprogramm. Aber es ist genau die Art Nische, in der sich der neue Sender ZDFneo breitmachen will. ZDFneo ersetzt von heute an ZDF.doku, einen von drei Digitalkanälen des ZDF. Unter Himmlers Leitung (und mithilfe von Programmen wie „30 Rock“) soll sich dessen Marktanteil von aktuell rund 0,1 Prozent im nächsten Jahr verdoppeln.

          Selbstversuche als Paparazzo oder Spion

          An 25- bis 49-Jährige soll sich der Sender richten, aber die Zielgruppe von ZDFneo ist nicht nur durch ein Alter definiert, in dem sich die Menschen hartnäckig weigern, das ZDF einzuschalten. „ZDFneo zielt auf ein Publikum von Zuschauern, die mehr vom Fernsehen erwarten, als sie gerade bekommen“, sagt Himmler. „Die Resonanz im Vorfeld ist enorm. Wir sehen im Internet und an Zuschriften, dass die Vorfreude sehr hoch ist.“

          ZDFneo hat zum Beispiel die Rechte an „Seinfeld“ gekauft, der Comedyserie von Jerry Seinfeld und Larry David, die vor zwanzig Jahren in den Vereinigten Staaten Premiere hatte, aber immer noch von vielen verehrt wird, und zeigt sie im Zweikanalton synchronisiert und im englischen Original. Die BBC-Satire „Taking the Flak“ macht sich über den Alltag von Fernsehauslandskorrespondenten lustig, „Hustle“ ist eine Comedy über Trickbetrüger, und die Doku-Reihe „Der Extremtester“ zeigt den Belgier Tom Waes beim Selbstversuch als Paparazzo oder Spion.

          Gemeinsam Gänsehaut

          Insgesamt hat ZDFneo einen Jahresetat von dreißig Millionen Euro - davon werden auch eigene Produktionen finanziert wie die Doku-Soap „Der Straßenchor“, die ein Projekt begleitet, bei dem der Berliner Konzertpianist Stefan Schmidt versucht, mit Obdachlosen einen Chor in Berlin zu gründen. Eine Doku-Soap? Ist das nicht exakt das, was die Privaten schon ununterbrochen senden? Ja, sagt Himmler, „aber wir gehen anders mit unseren Protagonisten um“.

          Tatsächlich ist „Der Straßenchor“ sehenswert und unterscheidet sich trotz der sehr konventioneller Erzählweise von den meisten anderen Formaten des Genres. Sie stellt die Obdachlosen nicht bloß, nimmt sich Zeit für ihre Geschichten. „Jetzt singen mal die, die Deutschland sonst nicht sucht“, lautet der Werbespruch des Senders für die Reihe. Am Ende der ersten Folge hat nicht nur Chorleiter Schmidt eine Gänsehaut, sondern auch der Zuschauer.

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