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ZDF-Casting: „Ich kann Kanzler!“ : Der fleißige Jacob gewinnt

Kann Kanzler, meinen die Zuschauer: Jacob Schrot aus Brandenburg Bild: Gordon Muehle

Im ZDF wurde gestern ein neuer Kanzler gewählt. Jacob Schrot ist erst achtzehn Jahre alt und geht noch zur Schule. Mit ihm bekäme man bei der Bundestagswahl eine Zweidrittelmehrheit. Doch erst einmal muss er ein Praktikum in Berlin machen.

          Am aufgeregtesten war der Moderator. Es war, als ob Steffen Seibert selbst aufs Podium und um die Gunst des Publikums buhlen müsste, auf dass am Ende er das Kanzlerinnenmonatsgehalt von 18.000 Euro und den Praktikumsplatz „im Zentrum der politischen Macht“ in Berlin gewinne. Dabei war die Sache bei „Ich kann Kanzler!“ ganz einfach: Alle zwanzig Minuten wurde abgestimmt und erst einer, dann die Zweite, dann der Dritte, dann die Vierte und schließlich der Fünfte abgewählt. Dazwischen hielten die Kandidaten kurze Überzeugungsreden, beantworteten Fragen, entwarfen ein Wahlplakat.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Das „heute journal“ muss warten

          Und obwohl das alles nicht sonderlich aufregend und leider nur in Maßen unterhaltsam war, dauerte „Ich kann Kanzler!“ zwanzig Minuten länger als gedacht. Gundula Gause und Claus Kleber mussten mit ihrem „heute journal“ bis kurz vor halb zwölf warten, dafür durften sie als Kommentar zum Tage einen Aufsager des Gewinners der Show senden. Und so sprach ein achtzehnjähriger Schüler im „heute journal“. Schlechter als die Kommentatoren in den „Tagesthemen“ machte er seine Sache nicht.

          Zeigte Nerven, durfte aber überziehen: Moderator Steffen Seibert

          Man kann sagen: Es hat den Richtigen getroffen. Von Jacob Schrot waren die Juroren, das Publikum im Saal und am Ende die Zuschauer vor den Bildschirmen gleichermaßen angetan. In jeder Runde führte er mit weitem Abstand. Am Ende stimmten von 180.000 Anrufern, die dem ZDF eine nette kleine Nebeneinnahme bescherten, 72,6 Prozent für ihn. Eine Zweidrittelmehrheit, das treibt Profipolitikern die Tränen in die Augen. Die Union, welcher der parteilose Sympathieträger Jacob Schrot sich mit seinen politischen Ansichten am nächsten fühlt, sollte ihn sich gleich angeln.

          Widerworte gibt keiner

          Der da gewählt wurde, verkörperte am glaubwürdigsten, dass er sich als Politiker für die Belange anderer einsetzen will, er erscheint als Energiker, sozial, auf Ausgleich bedacht und - blieb in allem genau so vage, wie man sein muss, wenn man in diesem Land ankommen will. Nur ja niemanden verprellen. Das hatten die sechs Finalisten der Politcastingshow übrigens gemeinsam. Da war keiner, der einmal eine vermeintliche Mindermeinung vertreten, ein Widerwort gewagt hätte. Mehr Geld für die Bildung wollen sie alle, die Familien stärken, Migranten fördern (es wird Zeit, das Wort „Migrationshintergrund“ auf den Index zu setzen in einem Land, in dem bald so gut wie jeder einen solchen Hintergrund hat), Geld im Verteidigungsetat sparen (die beschissen ausgerüstete Soldaten der Bundeswehr in Afghanistan werden es ihnen danken), schwulen Paaren das Adoptionsrecht geben (da wand sich die den Grünen nahestehende Kandidatin Nuray Karaca zwar, machte aber trotzdem mit) - mit anderen Worten: diese sechs Siebengescheiten waren auf der Höhe des Zeitgeistes. Sie sind also wie gemacht für die deutsche Politik.

          Schade ist, dass von der Vielfalt der Kandidaten, von der Günther Jauch zum Beispiel im Interview mit der F.A.Z. gesprochen hat (siehe Castingshow „Ich kann Kanzler“: Juror Günther Jauch im Gespräch), in der Finalshow nichts zu bemerken war. Die sechs jungen Leute, die bis dahin kamen, waren von vornherein potentiell mehrheitsfähig und - am gängigen Parteienspektrum orientiert, sogar die prozentuale Verteilung stimmte ungefähr: zwei auf Seiten der SPD, drei bei der Union oder unionsnah und eine bei den Grünen, nur die FDP fehlte. Der große, radikale Aufbruch, die Herausforderung für die Parteien bildete sich so nicht ab, die Mehrheit der Finalisten hat ihren Platz im Parteiengefüge schon gefunden.

          Das schmälert den Wert der Show, die zwangsläufig an der Oberfläche bleibt. Wenn es wirklich um Politik geht, dann wollen Wähler - junge wie alte - ein bisschen mehr als nette Sprüche und etwas zu allen Politikfeldern hören. Und bitte doch auch einmal eine steile These, ein Widerwort. Im Kreis der Finalisten aber wollte man sich nicht einmal darüber aufregen, dass die jetzt aktive Generation der Politik den kommenden Generationen Schulden auflastet, unter denen der Staatshaushalt zusammenbrechen wird, während man den Rentnern auf ewig verspricht, die Leistungen nicht zu kürzen. Wenn das kein Aufreger für einen politisch entflammten Achtzehnjährigen ist, dann weiß ich es nicht.

          Renate Künast redet Stuss

          Ganz nett war bei den üblichen Einspielern am Rande, dass selbst die Politprofis nicht wissen, wer in der Hierarchie nach dem Bundespräsidenten die Nummer zwei im Staate ist. Auf den Bundestagspräsidenten kamen die wenigsten Parlamentarier, die vor dem Mikro erschienen, den schönsten Stuss erzählte Renate Künast.

          Der ehemalige Bremer Bürgermeister Henning Scherf, der neben Günther Jauch und Anke Engelke (die aus ihrer Blödelhaut aber auch so gar nicht herauskommt) in der Jury saß, war sich am Ende sicher, dass den beiden Finalisten Philip Kalisch und Jacob Schrot eine große Karriere in der Politik bevorstehe. Er sah sie sogar schon im Kabinett. Ob sie sich da von den jetzigen Sesselbesetzern sehr unterschieden? Wollen wir einmal sehen, welchen Praktikumsplatz „im Zentrum der Macht“ das ZDF dem Sieger wirklich verschafft. Es sollte schon etwas mehr sein als ein Kopierjob im Bundespresseamt.

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