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Umstrittenes Filmprojekt : Um einen Rommel von innen bittend?

  • -Aktualisiert am

Man kann nicht in ihn hineinblicken: Wann fiel Erwin Rommel von Hitler ab? Bild: Agentur Karl Höffkes

In Frankreich entsteht ein ARD-Film über Erwin Rommel. Die Nachfahren kritisieren das Drehbuch. Aber ihr Protest zielt an der historischen und filmischen Wahrheit vorbei.

          Schön wär’s, die Geschichte wäre wie ein Hollywoodfilm. Das Gute geschieden vom Bösen und das Böse auf ewig getrennt vom Guten. Selbst wo ein Guter böse oder ein Böser gut wird, ist der Weg dieser Wandlung immer ganz einfach zu erzählen, eine glatte Linie von A nach B. Aber Geschichte ist nicht so, und selbst wenn sie uns Helden beschert, sind deren Inkubationen und Motive oft unlogisch und vielfach gebrochen. Von außen, so hat Albert Camus einmal geschrieben, wirkt jedes Leben letztlich konsequent. Doch wer immer es lebt, weiß, wie verzettelt, zufällig und inkonsequent es in Wahrheit gewesen ist.

          Diese Lebensweisheit mögen die Nachkommen des Generalfeldmarschalls Rommel nicht beherzigen. Was immer die Familie bewogen haben mag, beim SWR-Intendanten Peter Boudgoust gegen das Drehbuch eines noch nicht abgedrehten Rommelfilms Einspruch zu erheben – gut beraten war sie nicht. So verständlich es ist, dass eine Familie die Deutungshoheit über ihre eigene Geschichte behalten will, so unklug ist es, diese über Beschwerden bei der Nachwelt, in diesem Fall bei den Vorgesetzten und Chefs, durchsetzen zu wollen.

          Zwiespalt eines Günstlings

          Catherine Rommel, die Enkelin des Generals, verweist unter anderem darauf, dass Rommels Bruch mit Hitler nicht erst, wie dies im Drehbuch erscheine, 1944, sondern schon 1942 erfolgte, als sich der General dem Kommandobefehl Hitlers – „bis zum letzten Blutstropfen“ zu kämpfen oder unterzugehen – widersetzte und vor El Alamein den Rückzug antrat. Das Buch zeichne Rommel als „,Führer‘-treuen Betonkopf“, unterschlage die tatsächliche Entwicklung und billige Rommel keinerlei politische Einsicht zu, schildere ihn vielmehr als „passiven Spielstein, der zunächst von Goebbels und dann von den Männern des 20. Juli ausgenutzt wird“. Die Darstellung spreche Rommel „jede Erkenntnis ab“ und beraube ihn damit „der Integrität seiner Haltung, die er am Ende mit seinem Leben bezahlen musste“.

          Keine seiner Taten machte ihn zum Held des Widerstands: General Erwin Rommel
          Keine seiner Taten machte ihn zum Held des Widerstands: General Erwin Rommel : Bild: dpa

          Die Berater des Films weisen die Kritik zurück. Der Vorwurf des „Naziverbrechers“, von dem Liselotte Rommel schreibt, die Frau des ehemaligen Stuttgarter Oberbürgermeisters und Rommel-Sohns Manfred, werde gar nicht erhoben; dass Rommel ein „Günstling des Führers“ und „Emporkömmling“ aus Sicht der traditionell geprägten deutschen Generalität gewesen sei, müsse als unstrittig gelten. Was den Bruch mit Hitler angehe, lasse sich die innere Entwicklung Rommels nicht erschließen, doch lasse die Zahl seiner Verwendungen nach El Alamein und sein Engagement es als „äußerst unwahrscheinlich erscheinen, dass es ein ,jähes Ende‘ der Wertschätzung für Hitler gegeben habe. Ein Tief gewiss.“ Insgesamt, urteilen die Berater, sei das Drehbuch bemüht, „den Zwiespalt einer Person“ zu schildern, die ihre Karriere „ausschließlich Hitler verdankte“ und „dann – anders als alle die älteren Feldmarschälle – den Mut findet, dem umfassenden Anspruch dieses Titels gerecht zu werden.“

          Keine Wissenschaft, sondern Kunst

          Es geht im Falle Erwin Rommels nicht um Nuancen. Es geht darum, herauszufinden, ob Rommel sich – ähnlich wie Stauffenberg oder Hofacker – wirklich jemals bewusst wurde, in einer manichäischen Welt zu leben, einer, in der es tatsächlich um die Entscheidung zwischen Gut und Böse ging. Man kann verstehen, dass die Familie Rommel im militärischen Genie ihres Ahnherrn auch gerne das moralische Ausnahmetalent verkörpert sähe. Das aber wäre nichts anderes als historische Manipulation.

          Vor uns liegt die sechste Fassung des Drehbuchs von Niki Stein. Über mehr kann man nicht reden. Weder über den Film, den es noch gar nicht gibt, noch über all die Veränderungen, die sich im Laufe der Dreharbeiten ergeben mögen. Und dieses Drehbuch zeigt Rommel so, wie ihn die Forschung mehr oder minder heute beurteilt. Ein Mann, der sich keineswegs direkt zum Widerstand bekennt, sondern ihn eher durch Duldung und leise Sympathie befördert. Auch die Motive zum gedanklichen Widerstandsakt verschweigt das Drehbuch nicht. Es sind weniger die Verbrechen des Regimes als die Tatsache, dass Hitler zunehmend militärisch sinnlose Befehle erlässt. Man hätte, was den früheren Rommel angeht, noch ein ganz anderes, wirklich vernichtendes Drehbuch schreiben können.

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