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„Tatort“ aus Stuttgart : Der Glaube allein versetzt noch keinen Bahnhof

Vergessen zeitweilig den Mordfall: Lannert und Bootz Bild: dapd

Im „Tatort: Grabenkämpfe“ herrscht ein ganz schöner Auftrieb von Verdächtigen und Liebenden, die in ihrer Verwicklung manchmal an Robert Altman denken lassen. Die neue, wunderbare Folge strotzt nur so von Anspielungen, auch auf „Stuttgart 21“.

          Der Kriminalfilm erzählt vom gewaltsamen Tod. Wenn deshalb ein „Tatort“ wie „Grabenkämpfe“ die Liebe in all ihren Facetten ausbreitet, von gleichgeschlechtlich bis zu der zwischen Kindern und Eltern, von heimlich bis zu den sich gewalttätig entladenden Aggressionen der Eifersucht, vom Flirt zwischen Nachbarn und von Selbstverliebtheit bis zur bedingungslosen Hingabe an die Kunst, dann hängt dabei ein Hauch von Schuld oder zumindest Verdacht im Raum. Und das ist in diesem Film genaugenommen ständig der Fall.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Denn den Reigen ihres Personals von mehr als einem Dutzend bedeutenden Rollen nutzen die Autoren des Drehbuchs (Stefan Cantz und Jan Hinter) weidlich aus für immer neue und oft genug sehr überraschende Konstellationen des engen Miteinanders. Zwei, drei Figuren mehr, und man würde von einem Robert-Altman-Film sprechen wollen, so solide und geschickt werden die unterschiedlichsten Geschichten angestoßen und irgendwann miteinander verknüpft. Dass es darum geht, einen Mordfall aufzuklären, verliert Regisseur Zoltan Spirandelli darüber ganz zu Recht bisweilen aus den Augen. Die Profile seiner Figuren entfalten ihren Reiz allesamt auch jenseits der Verbrecherjagd.

          Eine Art schwäbisches Tacheles

          Der Geschäftsführer eines alternativen Kulturzentrums wurde erschlagen. Von hinten. Und mit gehöriger Kraft. Seine Frau, eine mazedonische Kickboxerin, die schwanger ist, steht unter Schock (Jasmin Gerat). Sein Geschäftspartner agiert hyperaktiv (Guntbert Warns). Ein Baulöwe, der auf dem Areal gern eine moderne Wohnanlage errichten würde, ist durch den Mord eine Sorge los (Rüdiger Vogler). Dessen Justitiar und Adlatus wider Willen bringt ihn dafür umso lieber in andere Schwierigkeiten (Hans Löw). Während sich der Kurator des Kunstmuseums Stuttgart (Arnd Klawitter) beim Bauamt für die Wohnanlage stark macht, weil er sich im Gegenzug die private Kunstsammlung des Bauunternehmers für sein Museum verspricht.

          Schlagkraft: Elena Aldinger (Jasmin Gerat) trifft ihren Mann (Christoph Jacobi)

          Dass zwischendurch der eine Kommissar (Richy Müller) der Nachbarin einen Schrank aufbauen soll, ist ebenso nur running gag wie die Breitwandaufnahme des Dekolletés der Staatsanwältin (Carolina Vera) und jener Zufall, dass der andere Kommissar (Felix Klare) mal wieder eine der dubiosen Figuren aus der Schulzeit kennt. Umso bereitwilliger lässt er sich seiner Besoldungsstufe A11 zum Trotz eine der modernen Wohnungen samt Dachterrasse reservieren - auch wenn deren Baugenehmigung nicht erteilt ist.

          Natürlich hat das auch mit Stuttgart 21 zu tun, wonach der Glaube allein noch keinen Bahnhof versetzt. Hier aber, wo es nur um marode Wagenhallen geht, eine Art schwäbisches Tacheles, in dem abends Ska-Bands auftreten und tagsüber Bildhauer Metallschrott zu Plastiken zusammenfügen, könnte der Weg längst mit ein wenig Geld und dem richtigen Kontakt ins Rathaus frei gemacht sein. Umso überraschender kommt der zweite Mordanschlag, begleitet von einer kleinen pyrotechnischen Meisterleistung. Was die Polizei an potentiellen Motiven zusammengetragen hatte, geht buchstäblich in Flammen auf.

          „Grabenkrieg“ ist ein wunderbares Fernsehspiel, weil es die Frontlinie seiner Scharmützel unentwegt verlegt: zwischen die Hoch- und die Alternativkultur, zwischen Jung und Alt, zwischen die Geschlechter, zwischen Reich und Mittelstand, selbst zwischen Yoga und Sandsackboxen oder Bentley und Porsche, und niemand kann sich seiner Position je wirklich sicher sein. Nur die Figuren von Otto Dix tanzen unbeeindruckt weiter auf dem Kraterrand des Vulkans.

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