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Spätfilm im ZDF : Ich bin auch nicht glücklich

Nikolas (Thomas Sarbacher) will seine Frau Lilith (Antje Schmidt) verlassen, fühlt sich aber weiterhin für sie verantwortlich Bild: Alida Szabo

Dieser Film hätte einen besseren Sendeplatz verdient: Einfühlsam und nah an der Wahrheit erzählt Jeanette Wagners „Fremdgehen“ von der Freude und dem Unglück, das die Liebe in einer Ehe verbreiten kann.

          Keine zwei Stunden sind vergangen, seit Lilith erfahren hat, dass ihre beste Freundin von deren Mann verlassen wurde. Nun sitzt sie im Auto neben ihrem eigenen Gatten Nikolas, der ihr sagt: „Ich verlasse dich. Ich habe mich verliebt.“ Das ist eine spontane Entscheidung, wie der Zuschauer weiß. Denn die Liebe oder, besser, die Leidenschaft, die zwischen Nikolas und der jungen Türkin Meryem entfacht ist, ist noch keine drei Wochen alt. Aber welche Bedeutung hat das schon, wenn man wie Nikolas aufs Äußerste entschlossen ist, dem Neuen eine Chance zu geben?

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Um sich vor dem Schmerz zu schützen, versinkt Lilith (Antje Schmidt) zunächst in einen tagelangen Schlaf. Draußen prasselt der Regen an die Fenster ihres Einfamilienhauses, die Bäume im Garten verlieren ihre Blätter, drinnen zieht sich Lilith die Decke über den Kopf. Nikolas (Thomas Sarbacher) kümmert sich um sie. Er kann gar nicht anders, denn aller Aufbruchstimmung zum Trotz spürt er ein lästiges Verantwortungsbewusstsein, zwanzig Ehejahre lassen sich auch für ihn nur schwer ohne weiteres beenden. Außerdem hat nicht nur er eine Vergangenheit, auch seine Geliebte Meryem (Tanya Barut) bringt einen Sohn mit in die neue Beziehung. Und dessen Vater Rohad (Özgür Karadeniz) ist keineswegs gewillt, Frau und Kind widerspruchslos ziehen zu lassen.

          Sehenden Auges an den Rand des Abgrunds

          So entsteht ein Film, der in weiten Teilen von einem ständigen Schwanken seiner Hauptfiguren geprägt ist. „Fremdgehen“ (Regie und Buch: Jeanette Wagner) erzählt von dem Reiz, den der Ausbruch aus einer langen Ehe darstellt. Er erzählt aber auch von dem Mut, den dieser Ausbruch benötigt, von den Zweifeln, die er sät, und von den Gefahren, die er bereithält. All dies übersetzt er in eine Reihe von sehr schönen, stillen Bildern, die viel mehr als alles Gesprochene deutlich machen, in welch kraftraubenden Gefühlslagen sich die Beteiligten bewegen.

          Die Nähe trügt: Die Ehe von Lilith (Antje Schmidt) und Nikolas (Thomas Sarbacher) steht kurz vor dem Ende

          Dass diese durchaus reduktionistisch zu nennende Inszenierung ihre Wirkung entfalten kann, ist vor allem dem schauspielerischen Vermögen von Thomas Sarbacher zu verdanken, der den fremdgehenden Nikolas als einen Mann zu präsentieren versteht, der sich sehenden Auges an den Rand eines Abgrunds begibt und den Absturz doch nicht verhindern kann (oder will). Aber auch Antje Schmidt verleiht der betrogenen Ehefrau ein Gesicht, das ihre Verletztheit ebenso wie ihren Kampfeswillen auf eine Weise zeigt, die in jeder Situation überzeugt.

          Es kommt schlimmer als man denkt

          „Bist du jetzt eigentlich glücklich?“, fragt sie Nikolas einmal, als er sie abends besuchen kommt. Und als er nicht antwortet, sagt sie: „Macht nichts, ich auch nicht.“ Und dann zaubert sie einen Joint hervor und legt Musik auf, die beiden sitzen auf dem Sofa, rauchen Gras, erinnern sich an ihren ersten Sex, lachen und fallen von ihren Sitzen. Aber als sie sich auszuziehen beginnt, stößt er sie zurück.

          Das ist der Moment, in dem alle, auch die Zuschauer, wissen, dass die Geschichte der beiden kein gutes Ende nehmen wird. Und tatsächlich kommt alles ganz anders, und viel schlimmer, als man denkt. So bleibt als einziger Wermutstropfen einmal mehr, dass sich das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht traut, diesen zauberhaften kleinen Film einem breiteren Publikum anzubieten. Einen besseren Sendeplatz hätte er wirklich verdient.

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