http://www.faz.net/-gqz-xph8

Science-Fiction-Thriller : Erdrückt von der Last der Alten

  • -Aktualisiert am

Im Getto der Jungen sucht Sophie Schäfer (Lavinia Wilson) nach ihrem Freund Bild: Reiner Bajo

Wie geht es Deutschland in zwanzig Jahren? Sehr schlecht, wenn Politiker weiter auf kurzfristige Belohnungen statt auf Investitionen in die Bildung setzen. Wie unsere Welt dann aussehen könnte, zeigt der Film „2030 - Aufstand der Jungen“.

          Zwanzig Jahre sind keine lange Zeit. Manchmal verstreichen sie in zehn Sekunden. Der Untergang im Zeitraffer: Heute steigen die Gesundheitskosten, in zwei Jahren sinken die Reallöhne, das Rentensystem wird für zusammengebrochen erklärt, bald darauf meldet die Pflegeversicherung Rekorddefizite, dann kommt Armut, dann Not und dann, im Jahr 2030, der „Aufstand der Jungen“.

          Den braucht das ZDF, damit sich möglichst viele für seine neueste Sozialdystopie interessieren, denn bei Stichworten wie „Demographie“ und „Gesundheitssystem“ springt der Bürger nicht aus dem Sessel, während er beim „Aufstand“ schon eher erwacht: er, der Wutbürger. So sei es dem Sender verziehen, dass er den Titel des Films über unsere Zukunft zur Dokumentation einer Revolution aufbläst; wobei der Aufstand, wenn man diese Zukunft sieht, noch das Tröstlichste daran ist.

          Die Zukunft, das ist das, was wir heute nicht verhindert haben. Was geschieht, wenn den Wählern weiterhin die nächsten Steuersenkungen wichtiger erscheinen als die nächsten zwanzig Jahre; wenn Politiker gegen die Jugend spekulieren mit einer Arroganz, die sich nur die Alten leisten können; wenn sie stets auf die Beschwichtigung setzen, die ausreicht, um die Mehrheit vorübergehend ruhigzustellen, während die Zeit verrinnt: Was dann geschieht, zeigt „2030 - Aufstand der Jungen“. Es ist ein Fernsehfilm, also zeigt er es in Fernsehbildern. Fernsehschauspieler laufen durch Fernsehkulissen, und trotzdem lohnt es sich zuzusehen. Es ist mehr Wahrheit darin als in vielen großen Worten, die in Talkshows gesprochen werden.

          Tim Burdenski (Barnaby Metschurat) ist spurlos verschwunden

          Die Krankenhäuser sind überfüllt, die Ärzte überlastet

          So wird der Fernseher zur Glaskugel des Drehbuchautors und Regisseurs Jörg Lühdorff, der uns als Wahr-Sager im Wohnzimmer besucht. Schon vor vier Jahren sorgte Lühdorff mit seinem Thriller „2030 - Aufstand der Alten“ für Aufmerksamkeit, die durch eine ZDF-Themenwoche zur alternden Gesellschaft noch gesteigert wurde. Allerdings ließ der Filmemacher damals die Alten leiden, die Jungen aber außen vor: Dabei ist die Frage nach ihren Optionen, ihrem Umgang mit den Anforderungen der Welt drängend, in der immer weniger von ihnen immer mehr Alte zu versorgen haben, während die Verteilungskämpfe zwischen den Bevölkerungsgruppen immer aggressiver ausgefochten werden. Während andere Sender „Dr. Kleist“ und „Dr. House“ gemütlich an ihren Patienten herumdoktern lassen, zeigt das ZDF, wer sich in Zukunft um unsere Gesundheit kümmern wird. Nämlich niemand.

          Ein Mann, dreißig Jahre ist er alt, wird in ein Krankenhaus eingeliefert, er hat zwei Schusswunden, doch er wird nicht behandelt. „Das Krankenhaus ist überfüllt, die Ärzte sind überlastet“, menetekelt eine Stimme aus dem Off. Es ist die des Sprechers, der die Zuschauer durch die vorgebliche Dokumentation über den Fall Tim Burdenski begleitet. „Doku-Fiction“ nennt das ZDF das und legt nahe, dass, wenn schon nicht das Gesundheitssystem, doch wenigstens der investigative Journalismus in zwanzig Jahren Anlass zur Hoffnung gibt: „Nach Recherchen des ZDF“ in Person von Lena Bach (Bettina Zimmermann) ist nämlich etwas faul an der Geschichte des im Stich gelassenen, bald darauf verschwundenen und für tot erklärten Patienten Burdenski.

          Die Lage im Städtischen Krankenhaus Zehlendorf erscheint jedoch allen normal und verwundert auch aus heutiger Sicht wenigstens die nicht, die sich schon einmal mit Umlageverfahren beschäftigt haben. Die Jungen, die es 2030 noch gibt, müssen die Älteren, von denen es viel mehr gibt, versorgen, die Belastung wird groß, sehr groß sein. Tim Burdenski jedenfalls braucht das nicht mehr zu kümmern, denn er ist ja tot.

          Weitere Themen

          Geburt und Tod sind verboten

          TV-Serie „Ad Vitam“ : Geburt und Tod sind verboten

          Die Alten lassen den Jungen keine Chance: In der französischen Serie „Ad Vitam“ geht es um den Fluch ewigen Lebens. Das klingt nach Science-Fiction, ist aber ein packender, gegenwärtiger Gesellschaftsthriller.

          Superheldenerfinder Stan Lee ist tot Video-Seite öffnen

          Marvel-Autor : Superheldenerfinder Stan Lee ist tot

          Der Erschaffer von Spider-Man, Doctor Strange, Hulk und anderen Marvel-Helden wurde 95 Jahre alt. Stan Lee war dafür bekannt, seinen Superhelden eine in den 60er Jahren neuartige Komplexität und Menschlichkeit zu verleihen.

          Topmeldungen

          Mays Position nach dem Deal : Der Brexit macht einsam

          Premierministerin Theresa May verliert immer mehr Rückhalt. Nicht nur ein geordneter Brexit, auch ihre eigene Zukunft steht jetzt auf dem Spiel. Kann sie das verkraften?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.