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Qualitätsfernsehen : Die Bodentruppen greifen an

Ich bin preiswert: Das Tragen dieses Buttons führte bei der Verleihung des Deutschen Fernsehpreises 2010 beinahe zu einem Eklat Bild: dpa

Die Kreativen, die der Deutsche Fernsehpreis nicht mehr eigens auszeichnet, bringen sich gegen die großen Sender in Position: Die „Deutsche Akademie für Fernsehen“ ist aus der Taufe gehoben.

          Seit Ende des vergangenen Jahres hat Deutschland einen neuen Verein, von heute an sollen und dürfen es auch alle wissen. Der Verein heißt „Deutsche Akademie für Fernsehen“, hat seinen Sitz in München, seine Geschäftstelle in Köln und inzwischen auch schon an die hundert Mitglieder, die sich in den letzten Wochen gleichsam per Zuruf eingefunden haben. Ein erstes Präsidium hat sich konstituiert. Als Vorsitzender fungiert der Schauspieler Michael Brandner, den wir zuletzt als trefflich fiesen Grafen von Keilburg in der überaus erfolgreichen Sat.1-Produktion „Die Wanderhure“ sahen.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Gleich vier Stellvertreter hat er um sich geschart - mit Jochen Greve einen Vertreter der Drehbuchautoren, mit Gerhard Schmidt einen Produzenten, mit Cornelia von Braun eine Casting-Direktorin und mit Stephan Wagner einen Regisseur, der 2010 unter anderem für das ZDF die noch nicht gesendete „Bella Block“-Folge „Stich ins Herz“ gedreht hat. Unter den Mitgliedern der ersten Stunde sind so bekannte Leute wie die Regisseure Dominik Graf und Niki Stein, die Schauspieler Maria Furtwängler und Axel Milberg sowie die Produzenten Hans W. Geißendörfer und Hubertus Meyer-Burkhardt. Vom Casting bis zur Tongestaltung, vom Dokumentarfilm bis zum Szenenbild, vom Drehbuch bis zu den Spezialeffekten: Vorläufig siebzehn „Sektionen“ der Fernsehkreativen sollen sich in der Akademie versammeln, eine Satzung ist bereits unter Dach und Fach. Finanzieren will man sich aus Mitgliedsbeiträgen, sucht aber in Regierungs- wie in Stiftungskreisen auch nach substantiellen Förderern und Geldgebern.

          Abhängig von vier Sendergruppen

          Zunächst sieht das Ganze bloß nach einem additiven Bündeln von Interessensvertretungen verschiedener Gruppen aus - eine Reihe von Fernsehberufen, die Schauspieler ebenso wie die Drehbuchautoren, haben längst eigene Verbände, die sich nun auch in den Sektionen der Akademie wiederfinden. Zudem wird es manche Überschneidung mit der 2003 gegründeten und in Berlin residierenden Deutschen Filmakademie geben, deren gegenwärtige Präsidentin Iris Berben ja vorwiegend für das Fernsehen arbeitet und deren aktueller Mit-Präsident Bruno Ganz habituell zwischen Kino und Bildschirm pendelt. Und mit den Überschneidungen wird es eben auch zu nicht wenigen Doppelzugehörigkeiten kommen - die inzwischen etablierte Filmakademie hat momentan etwas mehr als tausend Mitglieder. Nicht zuletzt wären viele Kinofilme ohne die mitfinanzierenden Fernsehsender gar nicht mehr zu realisieren.

          Kritik an der Vergabepraxis: Der Schauspieler Michael Brandner ist der erste Vorsitzende des Vereins „Deutsche Akademie für Fernsehen”
          Kritik an der Vergabepraxis: Der Schauspieler Michael Brandner ist der erste Vorsitzende des Vereins „Deutsche Akademie für Fernsehen” : Bild: dpa

          Gleichwohl gibt es nachvollziehbare Gründe für einen eigens den Fernsehaktiven vorbehaltenen Verein. Gerade jenseits der prominenten Akteure, die beide Medienbühnen bespielen, gibt es eine wohl nur nach Zehntausenden zu zählende Gruppe von Geistes- und Handarbeitern, die unser Fernsehprogramm, das öffentlich-rechtliche wie das private, durch ihren täglichen Beitrag überhaupt erst möglich macht.

          Und just jene Bodentruppen der Television sehen sich den Sendeanstalten gegenüber zu Recht in einer ziemlich schwachen Position. Zumal die vier mächtigsten Sender und Sendergruppen - ARD, ZDF, RTL und Pro Sieben Sat.1 - firmieren für viele Kameraleute, Regisseure, Maskenbildner, Komponisten oder Schnitt-Techniker entweder als Auftrag- oder gleich als direkte Arbeitgeber. Das führt zu entsprechenden Abhängigkeiten. Ein Teil der künftigen Akademieaktivitäten wird also quasigewerkschaftlicher Natur sein.

          Die Oberhoheit über den Deutschen Filmpreis

          Mittelbar jedoch ist die Akademie-Gründung das Resultat eines Konfliktes um den Deutschen Fernsehpreis, der im vergangenen Jahr auch öffentlich wurde. Getragen wird dieser Preis eben von den vier großen Sendern - und wer zahlt, bestimmt auch. Dies hat dazu geführt, dass eine ganze Reihe von Preiskategorien, die bisher individuellen Leistungen vorbehalten waren, seit 2010 jeweils an Gesamtproduktionen gingen - nicht also an den besten Reporter, sondern an die beste Reportage, nicht an den besten Dokumentarfilmer, sondern die beste Dokumentation. Nur noch für Schauspieler und Schauspielerinnen gab es individuelle Hervorhebungen.

          Ein zentraler Abschnitt der Gründungssatzung beinhaltet denn auch die Absicht, den Fernsehpreis „in noch zu benennenden Kategorien“ mittelfristig direkt aus der Akademie heraus zu vergeben - „für herausragende Einzelleistungen“ notabene. Hier also folgt man Filmakademie, zu deren hauptsächlichen Errungenschaften die Oberhoheit über den Deutschen Filmpreis zählt - auch wenn die Preisgelder ganz überwiegend aus Steuermitteln stammen.

          „Das Fernsehen nicht allein den Sendern überlassen“

          Bei den vier Sendergiganten hält man sich in Sachen Akademie noch bedeckt, eine Stellungnahme war gestern nicht zu erhalten, sie soll heute erfolgen. Unverständlich ist die Zurückhaltung nicht. Denn zugleich verhandelt man, dieses Jahr unter der Federführung von RTL, mit den Vertretern der Kreativarbeiter nichtöffentlich und dabei vor allem über die Zukunft des nicht eben glamourösen Fernsehpreises. Bis die Akademie erwachsen und damit einflussreich genug ist, so etwas wie einen deutschen Fernseh-“Oscar“ auf die Beine zu stellen, wird jedenfalls noch geraume Zeit vergehen. Ob sie es je schaffen wird, muss, gelinde gesagt, offenbleiben.

          Auch die Gründer geben sich mit Bedacht nicht so forsch, wie sie gern möchten. Ihre sonstigen Satzungsziele sind schöne Gemeinplätze - man will das Fernsehen „als wesentlichen Bestandteil der deutschen Kultur sowie der deutschen Kulturwirtschaft ... fördern und deren Vielfalt erhalten“, man will den „Austausch von Ideen und Erfahrungen“ unter den „Fernsehschaffenden“ anregen, man will, kurzum, den „Diskurs“ pflegen und führen.

          Wenn der Vize-Vorsitzende Jochen Greve darüber hinaus davon spricht, man dürfe „das Fernsehen nicht allein den Sendern überlassen“, oder wenn er sagt, es gelte, den „Heloten“ des Fernsehalltags „ihren Stolz und ihre Würde“ wiederzugeben, so klingt das fast schon nach Kampfparolen. Immerhin zeigt es, wo die Probleme wirklich liegen.

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