http://www.faz.net/-gqz-14bqa

„Polizeiruf 110“ : Das letzte Rätsel gibt er selbst auf

Lösen hier ihren letzten Fall: Jo Obermeier (Michaela May) und Jürgen Tauber (Edgar Selge) granteln sich nur noch an Bild: ddp

Schluss mit Grantler Tauber und Idealistin Obermeier: Michaela May und Edgar Selge spielen im „Polizeiruf“ zum letzten Mal. Ihre Kommissare lüften zum Abschluss ein großes Geheimnis. Sie werden uns fehlen - wehmütig wird man trotzdem nicht.

          Natürlich passt diese Lakonie zum Schauspieler Edgar Selge. Und zu Hauptkommissar Jürgen Tauber, den Selge nun zum siebzehnten und letzten Mal verkörpert, passt diese verhaltene Miesepetrigkeit, mit der er seinen Abschied aus dem Polizeidienst - nein, eben nicht zelebriert oder inszeniert, sondern schlichtweg vollzieht. „Ich kündige“, sagt er so ausdruckslos wie nachdrücklich, legt seiner Chefin Irmi Wiedermann (Adele Neuhauser) Dienstmarke, Dienstausweis und Schlüssel auf deren neuen Schreibtisch im renovierten Büro - und das war's dann auch.

          Jochen Hieber

          Redakteur im Feuilleton.

          Das Ganze dauert keine Minute und geschieht im Münchner „Polizeiruf 110 - Endspiel“ nach eineinviertel Stunden. In den fünfzehn Minuten, die noch bleiben, kommt es zu einer Art finaler Versöhnung mit der Kollegin Jo Obermaier (Michaela May), dann wird der Fall vollends gelöst, und schließlich lässt sich Tauber gar zu einem Versprechen hinreißen - ja, er wird Obermaiers Einladung annehmen und die Weihnachtsgans gemeinsam mit ihr und ihrem türkischen Mann Tarek (Tayfun Bademsoy) in trauter Dreisamkeit verspeisen.

          Zum Abspann erklingt auf der Tonspur die Eingangskantate des Bachschen Weihnachts-Oratoriums. Die letzten Worte vor dem Jubel von „Jauchzet, frohlocket“ aber gehören der Kommissarin Obermaier - sie sind so wahr und so zu Herzen gehend, dass wir sie mit Bedacht nicht verraten. Längst bekannt hingegen ist, dass auch Michaela May mit dieser Folge ihren Schauspieldienst im „Polizeiruf“ von der Isar quittiert - ob sie tatsächlich in den unspektakulären Innendienst geht, wie es das „Endspiel“ vorgibt, oder ob sie nach einer etwas zu plötzlich vom Zaun gebrochenen, deshalb nicht recht glaubhaften Fundamentalabrechnung mit Chefin Wiedermann doch die Behörde ganz verlässt, kann getrost offenbleiben.

          Miesepeter Tauber (Edgar Selge) wie er leibt und lebt - und doch ist er in der letzten Folge ganz anders

          Sechzehn Folgen sein Schwulsein verborgen?

          Offen bleibt auch die Frage, ob Jürgen Tauber seinen letzten Fall zu einem Comingout nutzt. Ja, es ist ganz offensichtlich, dass er seinem jungen Kollegen Matthias Kurtz (Wanja Mues) mehr als nur professionelle Sympathie entgegenbringt. In der Betriebskantine reißen sowohl die Stammbesatzung des Morddezernats als auch jene der Drogenfahndung darüber sofort ihre Witze. Hat der einsamkeitsgestählte Tauber also sechzehn Folgen lang sein Schwulsein zu verbergen gewusst? Oder gilt seine auch die Dienstvorschriften missachtende Zuwendung zu dem jungen Mann letztlich doch vor allem dem Umstand, dass ihn dieser draufgängerische Drogenbekämpfer daran erinnert, wie er, Tauber, einst selber war? Jedenfalls passt auch das zu Edgar Selge: Dass er aus der Rolle des einarmigen Polizisten schlüpft und uns ein Rätsel hinterlässt, das nie mehr gelöst wird.

          Drehbuch (Alexander Adolph) und Regie (Andreas Kleinert) nutzen das „Endspiel“, das in Münchens letztjähriger Adventszeit und in meist schon bitterkalten Nächten spielt, zu einer ganzen Reihe eindrücklicher Szenen. Im Gesamtspektrum ihrer beruflichen Beziehungsgeschichte sind Obermaier und Tauber dabei zunächst an einem Tiefpunkt angekommen: Man grantelt sich gegenseitig nur noch an. Aber dann schafft es Tauber doch, die Kollegin durch einen besonders perfiden Satz zum Heulen zu bringen. Neun Jahre schon, hatte Obermaier gesagt, arbeiteten sie zusammen, und drohend hinzugefügt, das könne sich nun aber bald ändern. Taubers Replik ist, zumal einer Frau gegenüber, dann wirklich vernichtend.

          Ein „Alles ist aus“ ist hier endlich

          Zu ermitteln sind die Todesumstände eines Münchner Drogenfahnders - Selbstmord oder Mord? Endlich in die Enge zu treiben ist ein Drogenpanscher und Dealer großen Stils, der sich als Restaurantbesitzer an der Galopprennbahn tarnt und dem bisher nie etwas nachzuweisen war. Zu klären ist auch, ob der tote Polizist aus dem Stadtwald mit dem als Vater fürsorglichen Gastronomen in Verbindung stand - und falls ja, in welcher. Natürlich bietet all dies auch Gelegenheit, um ein paar Leitmotive just dieses „Polizeirufs“ noch einmal Revue passieren zu lassen: die Sturheit der bayerischen Justizbürokratie etwa oder das zwischenzeitliche Gegeneinanderarbeiten der beiden Kommissare.

          So richtig wehmütig will man am Ende dieses „Endspiels“ nicht werden. Wir waren ja vorbereitet. Schon vor drei Jahren hat Selge seinen Rückzug aus dieser Rolle angekündigt, die zwei kurzen Sätze, die Jo Obermaier Jürgen Tauber vor dem finalen Freudengesang nachruft, sind nun der Rührung und der Würde genug. Die letzte Folge hält das Niveau ihrer Vorgänger. Das ist aller Ehren wert. Auch Samuel Beckett muss man nicht bemühen. „Alles ist aus“, der Satz aus seinem „Endspiel“, trifft hier nicht zu, denn der Wiederholungen des Münchner „Polizeirufs 110“ mit Michaela May und Edgar Selge in den Hauptrollen wird es in den kommenden Jahren gewiss nicht wenige geben. Und da man Krimihandlungen meist rasch vergisst, kann man ja ab und an auch wieder einschalten.

          Weitere Themen

          Wieder reden, aber nicht mehr klagen

          Robert Lewandowski : Wieder reden, aber nicht mehr klagen

          Robert Lewandowski und die Sache mit dem Ball: Bekommt er ihn, trifft er auch. In München blendet der Pole vor dem Spitzenspiel gegen den BVB mal wieder alle Krisensymptome aus und stellt sich als der „professionellste Spieler“ in den Dienst der Sache.

          Rekordpreis für Hockney-Bild Video-Seite öffnen

          Über 90 Millionen Dollar : Rekordpreis für Hockney-Bild

          Selbst bei Christie's war man über den Preis für das Werk "Portrait of an Artist (Pool with Two Figures)" etwas überrascht. Doch es entwickelte sich offenbar eine Bieterschlacht zwischen zwei Interessenten.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.