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Veröffentlicht: 27.09.2011, 21:20 Uhr

Mitteldeutscher Rundfunk Schunkeln, bis die Anstalt kracht

Tolle Tage beim MDR: Ein Intendant wird nicht gewählt, ein Unterhaltungschef steht unter Verdacht, ein Preis namens „Goldene Henne“ wird verliehen. Wofür? Ein großes Federlesen wäre angebracht.

von Michael Jürgs
© dpa Kein Broiler, ein Medienpreis: Die „Goldene Henne” gibt es für Publikumslieblinge

Selbst zur Unterhaltung gehört eine gewisse Haltung. Das wissen Dieter Bohlen und Co., weshalb sie ihren Kandidaten schon mal kleine Stäbchen mit auf den Weg geben, damit sie auch mit schlaff hängenden private parts Klavier spielen. Solches Kunstwerk steht im Knöchelverzeichnis des Privatsenders RTL als „Supertalent“ unter der Rubrik Penis Piano Forte. Sieben Millionen Deutsche zwischen 14 und 49 schauten zu. Man möchte auch die nicht näher kennenlernen.

Mitbürger Ost diesseits des gerade noch für die Werbung relevanten Alters von 49 bis hin zur Torschwelle ins Jenseits wollen dagegen Künstlern ins Gesicht sehen, nicht unter die Gürtellinie. Nur so lässt sich mitsingen und mitschunkeln. Dafür garantiert ihr Lieblingssender, der Mitteldeutsche Rundfunk. Der und der Rundfunk Berlin Brandenburg verleihen morgen, gemeinsam mit der „Super Illu“, die gedruckt das Niveau der Anstalt MDR hält, die „Goldenen Hennen“. Dabei handelt es sich nicht um Broiler, sondern um eine Art Skulptur, benannt nach der einst beliebten Künstlerin des Volkes drüben, Helga Hahnemann („Ein Kessel Buntes“).

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Aus eigener Kraft auf die Bühne

Bedingung für die bei der Gala Auftretenden: Sie müssen unterschreiben, dass sie aus eigenen Kräften die Bühne erklimmen können und ohne Teleprompter einen ganzen Satz als Dankeschön schaffen. Denn es handelt sich um eine Live-Sendung. Die üblicherweise versendeten Unterhaltungsformate des MDR (Wernesgrüner Musikanten, Musikantendampfer, Mit der Olga auf der Wolga) werden aufgezeichnet. Da treten Menschen auf, die man längst für tot gehalten hat - mit solcher Tot-oder-lebendig-Spannung lassen sich nämlich Quoten erzielen - oder die Scouts des Senders in Altenheimen aufgestöbert haben. Dafür hat der MDR ein Näschen, weshalb er als erfolgreichster Sender in allen dritten Programmen gilt.

Foht © dpa Vergrößern Ein Rüchlein von Korruption: Der ehemalige MDR-Unterhaltungschef Udo Foht

Spürnasen im eigenen Haus dagegen waren lange Zeit verstopft. Das Rüchlein von Korruption entwickelte sich deshalb erst spät zum öffentlich-rechtlichen Gestank, zur Dunstwolke, die auch all jene zu ersticken drohte, die sich nichts zuschulden kommen lassen und ihre Arbeit machen, also die Mehrheit in der Anstalt, die sich unterscheidet vom einst hochgelobten Unterhaltungschef Udo Foht, dem aufgrund penetrant riechender Finanztransaktionen suspendierten ehemaligen IM Karsten Weiß, der jahrzehntelang beste Quoten erzielte.

Man nennt das Recherche

Nur wer Haltung hat, fällt nicht unter ein gewisses Niveau. Wer sie nicht hat, hält eben alles für unterhaltend, was irgendwie singt, tanzt und schunkelt oder über Klaviertasten zotet und von daher, aber eben nicht von ungefähr: quotet. Hier soll nicht die bequeme Haltung eingenommen werden, über die moralische Haltung von Fernsehschaffenden oder gar Bankern, Politikern, Managern, Steuerflüchtlingen zu lamentieren. Das Feld der Moral ist bekanntlich ein weites. Auf dem tummeln sich auch Journalisten, die Vertreter der sogenannten vierten Gewalt. Wertfrei gesprochen, lassen wir uns bei unserer Arbeit - zugegeben: nicht alle und nicht immer - davon leiten, die Welt zum Besseren zu verändern.

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