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Millionen hin, Millionen her : Vom Taucher bis zum Hundehalsband

Hoch geht's her in der „Schillerstraße”, hinter den Kulissen aber auch Bild: Sat.1

Hinter den Kulissen der Fernsehshows tobt das Leben: Eine Firma, die für Sat.1 die „Schillerstraße“ und „Genial daneben“ erstellt hat, verklagt den einstigen Chef wegen Betrugs. Es geht um Millionen und - pikante Details.

          Es ist eine seltsame Geschichte: Eine Fernsehproduktionsgesellschaft zeigt ihren ehemaligen Vorstandsvorsitzenden wegen Betrugs an. Um rund 1,5 Millionen Euro geht es, die binnen vier Jahren verprasst worden sein sollen. Doch eigentlich will die Firma von ihrem früheren Geschäftsführer noch viel mehr - dreißig Millionen Euro nämlich. Bedenkt man, dass der Produktionsladen pro Jahr rund zehn Millionen Euro Umsatz macht, ist das eine erstaunliche Summe.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Und sie ist nicht ganz leicht zu erklären, im Gegensatz zu den 1,5 Millionen Euro, welche die Firma Mistral Media AG von ihrem ehemaligen Vorstandschef Marc Schubert haben will. Der Mann, der hinter Unterhaltungsshows wie „Schillerstraße“, „Genial daneben“ und „Switch Reloaded“ steht, soll das Geld für allerlei Firlefanz ausgegeben haben. Maßgeschneiderte Herrenkleidung, eine Handtasche für achthundert Euro und leuchtende Hundehalsbänder waren ebenso abgerechnet worden wie persönliche Fitnesstrainer und Physiotherapeuten.

          Das Finanzamt kommt zu Besuch

          Die Liste der angeblich fragwürdigen Rechnungen umfasst Hunderte Punkte. Doch meinte es Schubert offenbar nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit seinem Umfeld gut: Mitarbeiter lud er zu Golfworkshops und zum Eishockey ein, anschließende Bewirtung inklusive. Seinen Hund ließ er - wie auch Lebensmittel - von einem Chauffeur transportieren. Ein Tauchtrainer bekam Geld und auch Schuberts Mutter. Und schließlich „ermöglichte“ ihm seine Firma ausgiebige und teure Reisen; die er dem Magazin „Spiegel“ gegenüber notwendige „Brainstorming-Reisen“ nannte, auf denen Fernsehformate erfunden worden seien.

          Nichts war dem Aufsichtsrat aufgestoßen bis zu dem Tag im vergangenen Dezember, als das Finanzamt von Schuberts Nachfolger Stephan Brühl 2,4 Millionen Euro forderte: rückwirkend für die Jahre 2006 und 2007. Schubert war zu diesem Zeitpunkt nach einem Zerwürfnis mit dem Aufsichtsrat bereits freiwillig aus seiner leitenden Position ausgeschieden und produzierte - in der Firma seiner Frau Maike Tatzig, der Spielleiterin der „Schillerstraße“ - per Kooperationsvertrag weiterhin für Hurricane. Damit war aber nach dem Besuch des Finanzamtes Schluss.

          Seither hat Brühl Tausende von Belegen gescannt - und ist sich, wie er sagt, nicht sicher, ob die Summe von 1,5 Millionen Euro nicht nur ein Bruchteil dessen ist, was Schubert, wie er dem „Spiegel“ sagte, „mit Wissen und schriftlichem Einverständnis des Aufsichtsrates und der amtierenden Manager“ ausgegeben hat. Sein Finanzvorstand, der auch angezeigt worden ist, hatte die Rechnungen abgezeichnet.

          Zahlungsfrist 28. Februar

          Aber die addierten Summen, die nach Schuberts Ansicht als Investition ins Kreative gelten sollen, sind kaum der Rede wert gegenüber dem Betrag, den Brühl, der Schubert in seiner Doppelfunktion beerbt hat, zusätzlich fordert - eben jene dreißig Millionen Euro. Sie sollen ein Ausgleich sein für den Wertverlust, den Hurricane aufgrund von Schuberts Wirken erlitten haben soll. „Wir haben Herrn Schubert einen Brief geschrieben, in dem wir ihm bis zum 28. Februar Zeit geben, das Geld zurückzubezahlen.“

          Wie zufällig handelt es sich um fast denselben Betrag, den Mistral (die zum Kaufzeitpunkt Spütz AG hieß) 2006 für Hurricane bezahlt hat. Hurricane ging damals für 31 Millionen Euro als hundertprozentige Tochter in Mistral auf. Auch Schubert erhielt einen Teil des Geldes, da er Geschäftsführer und Teilhaber von Hurricane war. Die Mehrheit hielt die niederländische „Vertical Twister B.V.“, an der die Spütz AG ihrerseits beteiligt war.

          Noch bevor Schubert im vergangenen Juni bei der Mistral ausschied, hatte er Anzeige gegen „Vertical Twister“ erstattet. Der Grund, sagt der jetzige Mistral-Chef Brühl, sei ein Formfehler bei der Veräußerung von Hurricane an Mistral gewesen. Schubert sei der Ansicht gewesen, die Mistral habe zu viel für Hurricane bezahlt und forderte von „Vertical Twister“ mindestens 5,6 Millionen Euro zurück. Aus Brühls Sicht war das die Eskalation eines Streits, der schon länger schwelte zwischen Schubert und Jacob Agam, dem Mann hinter „Vertical Twister“. Agam, ein israelischer Geschäftsmann, ist laut Brühl der größte Anteilseigener an Mistral - mit Schuberts Anzeige zeigte sich die Firma also selbst an. Eine Farce, die Mistral nach Angaben von Brühl schon mindestens eine Million Euro an Anwaltskosten verursacht hat.

          Marc Schubert war für eine Stellungnahme unerreichbar

          Jacob Agam, ein Mann der sich gern im Hintergrund hält, hatte ebenfalls im Jahr 2006 die Telekom bewogen, ihm die Anteile an dem Call-in-Unternehmen Digame zu überlassen - und dafür auch noch 39 Millionen Euro zu bezahlen. Die Hintergründe dieses Verkaufs blieben undurchsichtig, wurden auf einer Aktionärsversammlung der Telekom harsch kritisiert, aber nicht aufgeklärt. Die „Welt“ schrieb damals, Agams Prioritäten lägen nicht in der langfristigen Sicherung eines Geschäftsmodells, sondern in einem Börsengang mit raschem Ausstieg.

          Betrachtet man diese Vorgeschichte - der frühere Chef von Mistral verklagt seinen eigenen Investor -, und das komplizierte Firmengeflecht - Hurricane, Mistral, Vertical Twister -, erscheint die Anzeige wegen Betrugs als zweiter Akt eines Zerwürfnisses. Stephan Brühl sagt, die Hurricane sei seit der Anzeige gegen Schubert arg gebeutelt. Er berichtet von Hackerangriffen auf die Website und den Mailserver der Firma: „Ich hoffe, dass wir bald in ruhigere Fahrwasser gelangen.“

          Es bestehe die Chance, dass die Firma überlebe, auch weil man über das Mutterunternehmen Anteile verkaufen könne. Marc Schubert war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Sat.1 ist von der Geschichte zunächst nur am Rande betroffen: Die „Schillerstraße“ ist abgesendet, die jüngste Staffel von „Genial daneben“ liegt auf Halde und die Hurricane-Show „Deutschland gegen Österreich“ wird einmalig von dem produziert, der sie moderiert: Johannes B. Kerner.

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