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Matthias Habich zum Siebzigsten : Der Prophet des inneren Aufruhrs

Seine Spezialität sind Männer, die auf eigene Faust die Welt einzurenken versuchen. Der Schauspieler Matthias Habich hat sich im Kino, im Fernsehen und auf der Bühne mit Hingabe den Anti-Helden gewidmet. An diesem Dienstag wird er siebzig.

          Seine Stimme hat man sofort im Ohr. Es ist kein gefälliges, weich gepolstertes Organ, sondern ein scharf geschliffenes Allzweckinstrument, das zum Schmeicheln taugt wie zum Gebrüll, zum Gesang wie zum Befehlen. Diese Stimme kann einen Gegner in Stücke schneiden und ein Publikum in Fesseln legen. Mit ihr hat Matthias Habich Rilke, Storm, Hermann Hesse und Curzio Malaparte gelesen, und man hätte gern gehört, wie er Wilhelm Tell, Orest, den Prinzen von Homburg und den Lear auf der Bühne gesprochen hat, lauter Männer, die auf eigene Faust die Welt einzurenken versuchen. Aber das Theater ist eine Kunst ohne Archiv. Was von Habich bleibt, stiftet der Film.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Die wirklich Großen des Bildschirms und der Leinwand brauchen keine Lehrjahre, sie kommen fertig zur Welt. Das gilt auch für Matthias Habich. Als er anfing, 1973 in Fritz Umgelters meisterlichem Sechsteiler „Die merkwürdige Lebensgeschichte des Friedrich Freiherrn von der Trenck“, war er sofort ein Star. Von der ersten Szene an, in der er einen Königsberger Spießbürger im Degenduell abfertigt, beherrscht sein Trenck das Bild, als Großmaul, Königskadett, Prinzessinnenverführer, Sträfling und tapferer Soldat. Und was Ben Becker in Gernot Rolls Wiederverfilmung der berühmten Abenteuermoritat vor acht Jahren nicht mehr darzustellen vermochte, das hat Habichs Freiherr im kleinen Finger: das Dilemma, kein Junker mehr sein und es doch bleiben zu wollen, die tragische Sehnsucht nach einem Preußentum ohne Ladestock und Peitsche.

          Die Kostümrollen hat er hinter sich gelassen

          Der „Trenck“-Film, in dem er das Kostüm des achtzehnten Jahrhunderts ebenso lässig trug wie Tom Cruise vor kurzem die Uniform des Grafen Stauffenberg, machte Habicht derart berühmt, dass er zum Objekt der Klatschpresse wurde. Als Reporter in seine Münchner Wohnung einbrachen, floh er nach Paris, wo er seit gut fünfunddreißig Jahren lebt. Aber das ZDF holte ihn bald wieder vor die Kamera, und auch dieser Streich war gut geführt: Nach einer Nebenrolle in dem Vorweihnachts-Vierteiler „Die unfreiwilligen Reisen des Moritz August Benjowski“ spielt Habich den Simplicius in Umgelters „Simplicissimus“-Verfilmung, die den Barockroman von Grimmelshausen auf Bildschirmformat zurechtschnitt, ohne dabei seinen Kern zu zerbrechen. Der grüne Federhut, den Habich als Jäger von Soest für Umgelter trug, war das Gipfelkreuz des deutschen Kostümfernsehens, das seitdem nie wieder eine vergleichbare Konzentration der filmischen Mittel und des schauspielerischen Könnens erreicht hat, wenn man von den späten Epen des Österreichers Axel Corti („Radetzkymarsch“) absieht.

          Nach diesen Erfolgen schien Habich auf Uniformrollen abonniert. Auch in Volker Schlöndorffs „Fangschuss“ von 1976 trug er wieder Militärkluft, diesmal das Feldgrau eines wilhelminischen Offiziers; und doch ist sein Part in Schlöndorffs Adaption eines Romans von Marguerite Yourcenar von ganz anderem Kaliber als seine Fernsehauftritte zuvor. Als Freikorpsoffizier, der nach dem Ersten Weltkrieg im Baltikum gegen die Bolschewisten kämpft und sich dabei in eine tödlich endende Dreiecksbeziehung mit einem Jugendfreund und dessen Schwester (die von Margarethe von Trotta gespielt wird) verstrickt, kann Habich zum ersten Mal die Kostümrollen hinter sich lassen. Sein ehrsüchtiger, autistischer und in sich erstarrter Spätpreuße Erich von Lhomond ist wie eine lebendige Illustration der Psychologie des „weißen Terrors“ aus Klaus Theweleits „Männerphantasien“ und zugleich eine unvergessliche Kinofigur.

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