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Männliche Problemkinder : Wir müssen die Jungs wieder lieben lernen

Fester Halt Gameboy: Maxi, vierzehn, beim Videospiel Bild: SWR

Das neue schwache Geschlecht: Das Fernsehen des SWR zeigte am Mittwochabend die Dokumentation „Jungs auf der Kippe“. An vier Einzelfällen wird eine männliche Verlierergeneration porträtiert, die wir nicht verlorengeben dürfen.

          Zwei Jahre alt ist das Lied, mit dem sich Jungs schon immer hätten identifizieren können. Es stammt von den Ärzten und heißt ganz einfach „Junge“. Und schon in der ersten Zeile kommt es auf den Punkt: „Junge, warum hast du nichts gelernt?“ Ja, warum nur? Weil Jungs eben Jungs sind, wie sie es schon immer waren, es aber heute nicht mehr sein können. Wie Aliens werden sie behandelt, ihr Verhalten wird als pathologisch betrachtet, die Freiräume, die ihre Väter noch hatten, um sich auszutoben, gibt es nicht mehr. Und also werden sie als medizinische Fälle registriert, wer früher ein Zappelphilipp war, hat heute ein Aufmerksamkeitsdefizit und wird mit Medikamenten ruhiggestellt. Jungen werden ausgegrenzt, zu Versagern gestempelt und versagen tatsächlich, weil Eltern, Lehrer und Gesellschaft mit ihnen nichts anfangen können. Die „Jungenkatastrophe“ ist da, die wissenschaftlichen Befunde über den Erfolg der Mädchen und den Misserfolg der Jungen liegen auf dem Tisch. Und ein paar Schlüsse daraus lägen auf der Hand, man müsste sie nur ziehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Der Film „Jungs auf der Kippe“, den das SWR Fernsehen heute Abend zeigt, liefert dafür eine Handreichung. In ihm stellt der Autor Harold Woetzel vier Jungs vor, die als typische Härtefälle erscheinen: Der fünfzehnjährige Michael aus Mannheim bekam schon als Grundschüler das Psychomittel Ritalin verabreicht; Marcel aus Freudenstadt brüstet sich mit seinen vierzehn Jahren damit, locker eine halbe Flasche „Danni“ wegzupicheln, „Danni“ steht für Jack Daniels, und wenn er den intus hat, wird Marcel gefährlich. Der dreizehnjährige Samir lebt allein mit seiner Mutter und ist zerrissen zwischen seiner jugoslawischen Herkunft und seiner neuen Heimat; den vierzehnjährigen Maxi wollen die Lehrer ob seiner Renitenz einfach nur noch loswerden und an die Sonderschule abgeben. Nur ein Lehrer bewahrt ihn noch davor, ein handfester Erzieher, der seine Schüler auch körperlich fordert und zum Marathonlauf animiert. Maxi sei „wie ein Sechser im Lotto“, sagt der Lehrer, nur müsse jemand bereit sein, den Gewinn auch abzuholen.

          Wie du wieder aussiehst

          Was den vieren fehlt, das vermittelt die „Kinderwerkstatt“ in Freudenstadt, in der sie lernen, „Eigen-Sinn“, also einen Sinn für sich selbst und für andere zu entwickeln. Der Erzieher nimmt sie hart ran, lehrt sie, ihre Irrsinnsenergie ins Positive zu wenden, mit Niederlagen umzugehen und Konflikte zu lösen oder auszuhalten, ohne Gewalt. Entladen können sie sich im Spaßgeprügel mit Schaumstoffbalken, für das es feste Regeln gibt. Vor allem an Regeln müssen sie sich gewöhnen. Und dafür braucht es einen, der sie ihnen vorgibt und den Kampf darum aus- und nicht für eine Strafe hält. Wahnsinnig anstrengend ist das, doch es lohnt sich nicht nur, es ist dringend geboten, will unsere Gesellschaft es nicht auf Dauer mit einer verlorenen Geschlechtergeneration zu tun haben darf, die allein in der Polizeistatistik auftaucht. „Und wie du wieder aussiehst, Löcher in der Hose und ständig dieser Lärm!“, singen die Ärzte.

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          Mütter und Väter von Jungs, Lehrerinnen und Lehrer wissen, wovon die Rede ist, dass am allerwenigsten ein Kampf der Geschlechter weiterführt, den der Feminismus zum unbestrittenen Vorteil der Mädchen gewonnen hat. Woran so lange nichts Falsches ist, solange der Streit um Chancengleichheit diese auch wirklich hervorbringt. Darüber aber sind wir hinaus. Nur zehn Prozent der Lehrer an Grundschulen sind Männer, auch an den weiterführenden Schulen sucht man sie längst mit der Lupe, Schulbücher handeln von starken Mädchen und von Jungens, die kochen und stricken, in Deutscharbeiten geht es um Backrezepte, und im Sportunterricht wird gejazzdanct. Es gibt den „Girls Day“, aber keinen „Boys Day“ und vor allem - es gibt die Jobs nicht mehr, die Jungen anstreben. Dafür gibt es schlechtere Noten bei gleichen Leistungen, denn das Verhalten wird immer mitbenotet. Das hält kein Junge aus.

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