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Jürgen Vogel und Axel Prahl in „12 Winter“ : Wer will fleißige Bankräuber sehen?

Bankräuberduo: Axel Prahl (l.) und Jürgen Vogel Bild: WDR/Tom Trambow

Zwölf Winter lang verübte ein Bankräuberduo eine Überfallserie in mehreren Bundesländern. Der wahre Fall ist nun mit Jürgen Vogel und Axel Prahl verfilmt worden: ein melancholischer Fernsehfilm, dessen Sog man sich schwer entziehen kann.

          Der Mann ist ein Wiederholungstäter. Er ist spezialisiert auf Bankraube, die er unter stets neuem Decknamen und an der Seite wechselnder Komplizen begeht. Die erste Tat vollbrachte Jürgen Vogel im März 1999 als „Raffczyk“ in Bernd Schadewalds Fernseh-Zweiteiler „Ein großes Ding“ an der Seite von Richy Müller. Der nächste Coup folgte im September 2001: Diesmal plünderte Vogel alias Erich Sass in Carlo Rolas Kinofilm „Sass - Die Meisterdiebe“ Berliner Banken, unterstützt von Ben Becker. Danach schien die Bankräuberkarriere des Jürgen Vogel schon beendet. Jetzt aber schlägt er wieder zu: Mike Roth nennt er sich, sorgt in Thomas Stillers Fernsehfilm „12 Winter“ bei Arte und im Ersten für Angst und Schrecken und hat sich wiederum einen neuen Partner zugelegt, nämlich Axel Prahl.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Vogel ist auch ein Nachahmungstäter. Denn so unterschiedlich die Filme sein mögen, sie haben außer dem Sujet des Bankraubs gemein, dass sie wahren Begebenheiten folgen. Lehnte sich Schadewalds Film an die Untaten der Gladbecker Geiselnehmer Rösner und Degowski (1988) an und erzählte Rola von den Gaunereien der in der Weimarer Republik berüchtigten Sass-Brüder, so begeben wir uns mit dem Duo Prahl/Vogel in die Zeit zwischen 1988 und 2001, als zwei Bankräuber eine Serie von Überfällen in mehreren Bundesländern verübten. Im August 2002 wurden die Männer bei Bonn gefasst und im Jahr darauf zu jeweils fünfzehnjährigen Haftstrafen verurteilt.

          Der Produzent Martin Zimmermann und der Drehbuchautor Holger Karsten Schmidt nahmen Kontakt mit einem der Täter auf, der sich, so Zimmermann, als „hervorragender Erzähler“ erwies. Zugleich aber kontaktierten sie zwei nicht minder wichtige Protagonisten, nämlich jene Polizisten, die die Bankräuber nach langer Fahndung überführten. Von beiden Seiten mit Informationen versorgt, bot sich den Machern des Films die seltene Gelegenheit, einen wahren, spektakulären Fall so authentisch wie möglich zu schildern.

          Schätzt die Frauen: Mike Roth (Jürgen Vogel, hier mit Doreen Jacobi)

          Immer, wenn es dunkel wird

          Fürs Authentische sind Jürgen Vogel und Axel Prahl eine naheliegende Besetzung. Beide bringen schon rein physiognomisch reichlich street credibility mit und wirken, wenn sie wie zum Anfang des Films innerhalb der Mauern einer Strafanstalt auftreten, nicht wie nachträglich ins Bild montiert. Die Geschichte beginnt 1984, als Vogels Mike Roth im Gefängnis Rheinbach seinem späteren Komplizen Klaus Starck (Prahl) begegnet. Sechs Jahre später sind beide wieder auf freiem Fuß, und Roth schließt sich Starck an, der mit Alex, einem alten Bekannten aus Rheinbach, Banken ausraubt.

          Zunächst als Trio, nach dem Ausstieg des erkrankten Alex als Duo, schreiten sie zu ihren Taten, bei denen sie strengen Regeln folgen: Zielobjekte sind Banken in der Provinz, die mindestens fünf Minuten Fahrzeit von der nächsten Polizeiwache entfernt liegen. Zugeschlagen wird - daher rührt der Filmtitel - stets im Winter, wenn es früh dunkel wird. Vor allem aber: Keine Toten, keine Verletzten soll es geben. Aus den Waffen, von denen sich beide ein gewaltiges Arsenal zugelegt haben (neben einem beachtlichen Fuhrpark mit Fluchtwagen), werden allenfalls Warnschüsse abgegeben.

          Einen Zeitraum von bald zwanzig Jahren in neunzig Minuten abzubilden ist keine leichte Aufgabe für einen Filmemacher, der sich gezwungen sieht zur Reduktion. Wenige Szenen müssen genügen, um dem Zuschauer die Charaktere näherzubringen; in diesen Momenten aber lässt Stiller den Schauspielern viel Raum, gönnt ihnen Großaufnahmen und erspart es ihnen, in überfrachteten Dialogen jene Fragen zu klären, die der Film vernachlässigen muss. Es werden gewiss nicht zu viele Worte gemacht in Stillers Film, der sich mit seinen sanften Überblendungen und seinen ruhigen, melancholischen Einstellungen von Landstraßen und Stadtrand-idyllen im Gegenlicht abhebt von actiongetriebenen Gangsterfilmen, in denen deutsche Großstädte Chicago mimen müssen.

          Akribie und Arbeitsethos

          Alles andere als schillernde Bösewichte sind auch die Hauptfiguren, die ihre Überfälle mit geradezu buchhalterischer Akribie planen und ihrer schmutzigen Arbeit mit einem Ethos nachgehen, das man, handelte es sich um eine andere Branche, tadellos nennen müsste. Während der kleine Lebemann Roth es wenigstens privat lockerer angehen lässt, hegt der butterstullenmampfende Starck den Traum vom Aussteigerleben in Marokko, dessen Verwirklichung er wegen seines Geizes indes so lange verschiebt, bis es zu spät ist.

          Dass Roth und Starck zwar durchaus nicht unsympathisch herüberkommen, aber doch nicht zu strahlenden Antihelden avancieren, liegt auch am Gegengewicht, das Wotan Wilke Möhring und Matthias Koeberlin in den Rollen der Ermittler bieten. Sie werden fast ausschließlich im Büro gezeigt und haben es somit noch schwerer als die wenigstens mit einem Gerüst von Privatleben ausgestatteten Prahl und Vogel, ihre Charaktere zu entfalten, doch es gelingt ihnen die Studie zweier Männer, die - ebenso wie ihre Antipoden auf der anderen Seite des Gesetzes - besessen von ihrer Arbeit sind. Wie der Film die Szenen beider Teams ineinander übergehen lässt, wie die anfangs elegische Musik fast unmerklich den Pulsschlag erhöht, das erzeugt einen Sog, dem sich der Zuschauer nicht entziehen kann. Auch dann, wenn er schon weiß, wer am Ende den Sieger stellt.

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