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Im Fernsehen: Tatort : Zwei Kommissare haben ausgespielt

Liebenswert waren sie nie: Andrea Sawatzki als Charlotte Sänger, Jörg Schüttauf als Fritz Dellwo Bild: HR/Bettina Müller

Am heutigen Sonntag läuft der letzte „Tatort“ mit Jörg Schüttauf und Andrea Sawatzki. Ihre Figuren sprengten das Krimi-Genre und die Schauspieler ihre Rollen. Dem Sender blieb nichts anderes übrig, als sie gehen zu lassen. Das Finale ist grausam.

          Jeder im Team, sagt der Schauspieler Peter Lerchbaumer, habe seine eigene Idee gehabt, wie man den letzten Frankfurter „Tatort“ mit seiner Mannschaft enden lassen sollte. Seine ging etwa so: Ihm, dem grantelnden Chef der Mordkommission, werden solch enge Verstrickungen ins organisierte Verbrechen nachgewiesen, das seinen Kollegen nichts übrig bleibt, als ihn zu verhaften. Die beiden Kriminalhauptkommissare Dellwo und Sänger nehmen ihn in einem der pikfeinen Taunusorte fest, schieben ihn auf den Rücksitz des Wagens und machen sich auf den Weg ins Revier. Ganz langsam kurvt das Auto durchs mittelgebirgische Idyll der Hochhaussilhouette am Horizont entgegen, und als der Wagen gerade hinter einer Hügelkuppe verschwunden ist, tut es einen Knall. Ein Flammenblitz schießt in den strahlend blauen Himmel, gefolgt von der bezaubernd schönen Pilzwolke einer Explosion. Ende einer Dienstfahrt.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Und nicht der schlechteste Schluss für eine „Tatort“-Mannschaft, deren künstlerische Energie sich mehr als einmal während der Dreharbeiten in Frankfurt in kleinen Explosionen entladen hat. Der habe die längere Einstellung, konnte man dort hören. Auch: Die habe die besseren Dialogzeilen. Und einmal hörte man den Regisseur Niki Stein sagen: „Ich formuliere es jetzt einmal ganz fies: Wer mir nicht vertraut, braucht nicht mit mir zu arbeiten.“ Die Schauspieler taten gut daran, ihm zu vertrauen.

          Es waren komplizierte, filigrane Figuren

          Niki Stein hat das Frankfurter „Tatort“-Team vor knapp zehn Jahren erfunden. Nicht nur weil zuvor der biedere Herr mit der Fliege, Edgar Brinkmann, sechzehn Jahre lang für den Hessischen Rundfunk auf eher zurückhaltende Weise das Böse aus der Welt geschaffen hatte, wurden Niki Steins Beiträge zu einer Revolution. Es lag an seiner raffinierten Erzähltechnik, mit der er kurzerhand die früh formulierten Dogmen des „Tatorts“ über den Haufen warf: Dass Rückblenden und Zeitlupe verboten waren, kümmerte ihn ebenso wenig wie das Gebot, die Geschichte stets aus dem Ansatz der Ermittlung zu erzählen; vielmehr verkordelte er auf grandiose Weise so viele Erzählstränge und Perspektiven miteinander, dass schon das Strickmuster selbst zu einer Bedrohung für manchen Zuschauer wurde. Und es lag an den Charakteren, denen er sehr viel an seelischen Verletzungen zumutete. Drei Folgen genügten, allesamt von Niki Stein inszeniert, schon setzten die Leser einer Fernsehzeitschrift Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf auf Platz eins der Liste mit den beliebtesten „Tatort“-Kommissaren. Dabei waren die beiden alles andere als liebenswert.

          Sein Leben klappt zusammen wie ein Kartenhaus: Peter Lerchbaumer als Kommissariatsleiter Rudi Fromm

          Es war ein Paar, das kein Paar sein konnte, nicht etwa, weil sie zu ungleich waren, sondern weil jeder von ihnen zu sehr auf sich konzentriert gewesen ist. Andrea Sawatzki stattete ihre Figur mit extravaganter Unauffälligkeit aus. Mit teurer, dezenter Kleidung und einem verhuschten Wesen, aus dessen scheuem Blick man nicht nur Unsicherheit herauslesen konnte, sondern auch ein Moment von Furcht – nicht zuletzt vor den eigenen Trieben. Jörg Schüttauf spielte den gebrochenen Mann, zerzaust und eigenbrötlerisch, der alle Schicksalsschläge kopfnickend zur Kenntnis nahm und in dessen Rumpeligkeit sich oft genug bloß emotionale Hilflosigkeit ausdrückte. Dazu Peter Lerchbaumer als Leiter der Mordkommission, alkoholselig, haltlos manchmal, mit zerstörtem Privatleben, geringem Interesse an der Ermittlungsarbeit, dafür umso mehr an seiner Mitarbeiterin – bis hin zur Selbstaufgabe und Lächerlichkeit. Es waren komplizierte, filigrane Figuren, schwerer zu benennen als andere Fernsehkommissare, weil sie keine Attitüden als Markenzeichen vor sich her trugen. Ihre Selbstbeherrschung beim Formationstanz und seine unbeherrschte Lust an der Musik der Hard-Rock-Gruppe Led Zeppelin blieben Fußnoten.

          Vorsichtshalber ohne Privatleben

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