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Im Fernsehen: "Polizeiruf 110" : Ich will von dir verhaftet sein

Lutz, tu's nicht! Brückmann (Andreas Patton) will Rache am Pharma-Unternehmer Geiger üben, König will ihn stoppen Bild: NDR/Christine Schroeder

Der „Polizeiruf 110“ (NDR) hat am heutigen Sonntag mit Pharmaindustrie, Serbenmafia und internen Ermittlern alle Hände voll zu tun. Anneke Kim Sarnau ist als Profilerin Katrin König die Ermittlerin der Stunde.

          Wenn ein Medikament getestet wird und wenn während dieser Versuchsreihe ein Proband das Zeitliche segnet, spricht man nicht von einem Todesfall. Das würde die schöne Statistik besudeln. Man rubriziert den Toten als „nicht abgeschlossene Therapie“. Dieses Schicksal ist der kleinen Naomi widerfahren. Sie hat eine Zeckenimpfung nicht überlebt, das Serum war nicht ausreichend getestet. Die Ehe ihrer Eltern zerbrach, Vater Lutz Brückmann (Andreas Patton) sinnt seither auf Rache. Die scheint gekommen, als ein Maulwurf brisantes Beweismaterial aus der Rostocker Pharmafirma Geiger schleust.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Das ist eine Problemzone für die Rostocker Ermittler, eine andere droht in ihren Reihen und ist zudem mit der ersten verknüpft. Kommissar Bukow (Charly Hübner) steht im Visier einer internen Ermittlung, seine LKA-Kollegin Katrin König (Anneke Kim Sarnau) soll klären, ob er Zeugen verraten und Beweismittel unterschlagen hat, als sein kleiner Sohn einige Tage verschwunden war, während Bukow als Mitglieder einer Sonderkommission die Machenschaften der Serbenmafia durchleuchtete.

          Tote gibt es auch: Zunächst wird ein Selbstmordfall aufgerollt, weil sich der Tote vielleicht doch nicht freiwillig erhängte. Dann stürzt ein Serbe vom Kirchturm. Bukows Stasi-geschulter Scharfmacher-Chef sieht Verdächtige bei „linken Chaoten“, die sich als gutbürgerliche Wutbürger entpuppen. Derweil plant Pharma-Unternehmer Ferdinand Geiger (Jürg Löw als versierter Machtspieler) die Markteinführung eines neuen Brustkrebsmittels, auch diesmal gibt es ein paar nicht „abgeschlossene Therapien“. Er hat sich Unterstüzung gekauft, bei einem Staatsanwalt und beim Serbenmafioso Zoran Subocek (als kultivierter Brutalinski: Aleksandar Jovanovic). Der will den Tod seines Blutsbruders rächen, und ganz offensichtlich kennt er Bukow näher. Die Luft knistert, musikalisch unterstreicht das das Lied „Sperr mich ein“ von „Element of Crime“. Bukow singt, König provozierend anschauend, mit: „In Freiheit bin ich garstig / Gefangen will ich sein / Kleingemacht und gut verschnürt / Erklär mir meine Rechte / Sperr mich ein / Ich will von dir verhaftet sein“.

          Zwei, die nicht wirklich gut miteinander können: Kriminalhauptkommissar Bukow (Charly Hübner) und Profilerin König (Anneke Kim Sarnau)

          Der Rechststaat scheint ausgehöhlt zu sein

          Wie sehr der Fernsehkrimi ohne die Pharmaindustrie an Stoffmangel litte, kann man auch daran ablesen, dass der letzte „Tatort“ mit der gleichen Motivlage (Vater will Kindstod rächen) gerade einmal drei Wochen zurückliegt. Aber der Defätismus ist stark auf dem Vormarsch, der Glaube an Institutionen und Rechtsstaat scheint ausgehöhlt - auch bei Eoin Moore, der das Buch zum aktuellen „Polizeiruf 110: Feindbild“ (NDR) schrieb und auch Regie führte. Wie weit diese Aushöhlung fortgeschritten ist, demonstriert er mit immer neuen kriminellen Nebensträngen: Bis zur Halbzeit ist er damit beschäftigt, den Fall zu verknäueln, zur Entwirrung wird die Zeit dann knapp. Also drückt der Film aufs Tempo, setzt zunehmend auf Action; die Handkamera, die Martin Farkas vielfach verwendett, verleiht der Szenerie etwas Fahriges.

          Nur eine behält - fast immer - die Fassung: Katrin König. Die zierliche Person mit den braunen Augen denkt analytisch, ist präzise und unsentimental. Anneke Kim Sarnau spielt eine Frau, die ihr Selbstbewusstsein ohne Allüren zu gestalten weiß, die Rock, Stiefel, Nagellack und Schmuck beim Einsatz trägt. Den an die Wand gedrängten, mit einem Bein im Illegalen operierenden Bukow treibt sie kühl vor sich her - und wenigstens vorübergehend zurück auf den Pfad der Tugend: Im Volvo, er auf dem Fahrersitz, sie auf der Rückbank, nimmt sie ihm die Beichte ab. Die beste Szene des Films.

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