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Im Fernsehen: „Meine Familie bringt mich um!“ : Man muss nicht in jedes Auto steigen

Wo sind die Autoschlüssel? Helen (Iris Berben) bekommt von ihrer Friseurin gute Ratschläge Bild: ZDF/Stefan Erhard

Die frühere Fernsehspielchefin Doris Heinze schrieb das Drehbuch, die Clearingstelle interessierte sich für die vielen Auftritte einer bestimmten Automarke in dieser Berben-Produktion. Geblieben ist ein bemüht witziger, rührseliger Film.

          In der ersten Szene ist noch kein Auto in Sicht. Dafür Damen mittleren Alters beim Friseur, die mit dem körperlichen Verfall hadern. „Plötzlich hast du keine Taille mehr, dafür aber Orangenhaut.“ Wie unfair der Kampf um die Pfunde ist. „Männer in dem Alter gehen doch auch aus dem Leim.“ Um Hitzewallungen dreht sich das Gespräch, um trockene Haut, Gleitcreme und fehlenden Sex. Darüber sinniert auch Helen (Iris Berben) nach, deren Kommentare aus dem Off uns durch den Film geleiten. Für sie wird es noch schlimmer kommen: Ihre Mutter Margret (Gertrud Roll) hat einen Schlaganfall und wird dement, ihr Mann Peter (August Zirner) scheint fremdzugehen, ihre Kinder Lizzy (Paula Kroh) und Daniel (Ben Unterkofler) sind ihr fremd geworden. Wie soll man da nicht am Rande des Nervenzusammenbruchs stehen?

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Darum also geht es in „Meine Familie bringt mich um!“ Doch es geht noch um mehr. Ums Autofahren zum Beispiel, genauer gesagt, ums Fahren einer bestimmten, vorzugsweise in Wolfsburg gefertigten Marke. Das sticht allerdings vielleicht erst ins Auge, wenn man weiß, dass das ZDF Grund hatte, den Film auf Schleichwerbung hin zu sichten. Woraufhin dem Produzenten Oliver Berben einfiel, dass er vergessen hatte, den Sender auf eine sogenannte „Beistellung“ hinzuweisen. Mit einer solchen reduziert ein Produzent seine Kosten, muss dies dem Sender aber kundtun und genehmigen lassen. 2100 Euro hat die Fahrbereitschaft dem Produzenten angeblich eingebracht.

          Unter Schleichwerbeverdacht

          Gelohnt hat sich das nicht, beziehungsweise steht der Ertrag in keinem Verhältnis zum Aufwand. Denn Iris Berben fährt ein bisschen viel Auto. In Minute 6.49 braust ihre Helen los, um Schwester Franziska (Katja Weitzenböck) vom Flughafen abzuholen. Die wartet, wir sind bei Minute 8.33 angelangt - das soll übrigens Zufall sein - vor einem markengleichen Fabrikat. Die Fahrt dauert bis Minute 9.20. Dann sind zwanzig Minuten Pause, wird der Lieferwagen der Gärtnerei benutzt, die Helen und Peter führen, und Fahrrad gefahren. In Minute 22.38 kommt in einer Apotheke Gleitcremewerbung ins Bild. Rund sechs Minuten später fährt der alerte Altenpfleger Bill (Tobias Oertel) Helens Auto, er hat ein Auge auf die Halterin geworfen. Die Fahrt dauert eine Minute, dann wird das Vehikel abgestellt, gut sichtbar vor der Kamera. Weitere Fahrten haben wir uns notiert bei Minute 43.43, 47, 52.15, 53.05, 57.45 (zwei Minuten am Stück), nach einer Stunde, vier Minuten und dreißig Sekunden (das Auto wird beladen), sechs Minuten später noch mal, in den Sequenzen nach einer Stunde und zweiundzwanzig Minuten wird es zur Raserei - fünfmal Auto im Bild, inklusive Strafzettel -, nachvollzogen ohne Gewähr.

          So geht es auch: Iris Berben ohne Beistellung auf dem Fahrrad

          Das alles wird man so heute Abend fast, aber nicht ganz sehen können. Der Film sei „an ein paar kleinen Stellen“ verändert worden, heißt es auf Anfrage beim ZDF. Die sogenannte „Clearingstelle“ hatte den Film moniert. Das ist kein Wunder, denkt man daran, dass der vom selben Produzenten stammende Film „Familiengeheimnisse“ kürzlich ebenfalls - und zu Recht - unter Schleichwerbeverdacht kam, auch wenn dafür kein Geld floss. Und in Erinnerung ist noch, dass Iris Berben als Kommissarin Rosa Roth und bei einer Dokumentation aus Israel ebenfalls in Karossen eines ganz bestimmten deutschen Autoherstellers herumkutschierte, alle Stücke produziert von ihrem Sohn Oliver Berben. Die Zusammenarbeit mit diesem hat das ZDF einstweilen ausgesetzt. Der NDR hat einen Film von ihm, der im Februar läuft, in Prüfung, „Beistellungen“ aber nicht feststellen können.

          Älterwerden geht von ganz allein

          Unglücklicherweise hat auch noch Doris Heinze das Drehbuch geschrieben. Die einstige Fernsehspielchefin des NDR hatte dort ihren Hut nehmen müssen, weil sie und ihr Mann unter Pseudonym heimlich Drehbücher zu Filmen verfasst hatten, die sie selbst namens des Senders produzieren ließ. Das Buch zu „Meine Familie bringt mich um!“ jedoch war genehmigt - eines pro Jahr durfte Doris Heinze als Fernsehspielchefin schreiben, für das halbe des üblichen Honorars, was nach Schätzungen 30.000 Euro bedeutet.

          Im Vergleich zu der vor Jahren grassierenden Schleichwerberei ist der Fall von „Meine Familie bringt mich um!“ sicherlich zu vernachlässigen. Doch sollte ein arrivierter Produzent wie Berben es nicht nötig haben, „beigestellte“ fahrbare Untersätze zu verheimlichen. Was wir - davon abgesehen - sehen, ist ein bemüht witziger, rührseliger und larmoyanter Film über eine Frau in der Midlife-Crisis, der mit Kalenderweisheiten glänzt: „Älterwerden geht von ganz allein, man muss nichts dafür tun, außer am Leben bleiben.“ (Autounfälle also vermeiden!) „Ich muss mich damit abfinden, Tochter zu sein und Mutter und Frau“, sagt Helen zum Schluss. Und steigt ausnahmsweise nicht in den Wagen.

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