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Heute im Fernsehen: Robert Bosch : Warum bringt denn den Kerle niemand um?

  • -Aktualisiert am

Unternehmer in Gewissensnöten: Der Film zeigt Robert Bosch als tragische Figur Bild: SWR/Robert Bosch-GmbH

Er geriet während beider Weltkriege in Gewissensnöte, weil seine sozialen Lebensideale nicht mit den Zielen als Unternehmer in Einklang zu bringen waren: Die ARD zeigt einen Film über den Großindustriellen Robert Bosch.

          Ein Staatsbegräbnis für Robert Bosch. Der erste Kranz, der abgelegt wird, ist von Adolf Hitler. Mit dieser Szene beginnen Birgit Schulz und Angela Linders ihre Dokumentation über Robert Bosch und stürzen die Zuschauer damit gleich in Verwirrung: Bosch ein Nazi? War Robert Bosch nicht „der rote Bosch“, der als Erster den Acht-Stunden-Tag einführte, der gute Mensch, der sein Geld der guten Sache stiftete?

          Die Verwirrung muss gewollt sein. Birgit Schulz und Angela Linders zeigen Robert Bosch als tragische Figur, als Menschen, der während beider Weltkriege in beklemmende Gewissensnöte geriet, weil seine sozialen Lebensideale nicht so einfach mit den Zielen als erfolgreicher Unternehmer in Einklang zu bringen waren. „Im Nationalsozialismus wird Robert Bosch mit seinem Weg der Mitte zum Opfer, Täter und Oppositionellen in einer Person“, sagt Angela Linders. Das Hadern des Unternehmers mit der Politik und die Aktivitäten des Unternehmens für die Kriegswirtschaft genauer zu untersuchen wäre in der Tat ein lohnenswertes Vorhaben, indes, wirklich in die Tiefe gehen die Filmautorinnen dann doch nicht. Sie führen die Zuschauer sogar ein Stück weit in die Irre. So berichten sie, dass Hans Walz, der als Nachfolger von Robert Bosch das Unternehmen führte, der Waffen-SS beigetreten sei. Was nicht erwähnt wird: Hans Walz wird 1969 als „Gerechter der Völker“ ausgezeichnet, die höchste Auszeichnung, die der Staat Israel an Nichtjuden zu vergeben hat, eine Rehabilitation, die auch die Person Robert Bosch einbezieht, in dessen Auftrag Walz gehandelt hatte.

          Der Zuschauer muss sich selbst ein Bild zusammenpuzzeln

          Ohnehin stellt der Filmtitel mehr in Aussicht als die Aufarbeitung moralischer Zerrissenheit: „Robert Bosch - Vermächtnis eines Großindustriellen“. Da wäre eigentlich zu notieren, dass das von Robert Bosch vor 125 Jahren gegründete Unternehmen heute annähernd 300.000 Menschen in aller Welt beschäftigt, die fünfzig Milliarden Euro Umsatz erwirtschaften: der größte Autozulieferer der Welt, der größte Anbieter von Elektrowerkzeugen und mittlerweile auch einer der ganz Großen in der noch jungen Solarbranche. Es wäre zu erklären, dass und warum Bosch in vielerlei Hinsicht nicht vergleichbar ist mit anderen, kapitalmarktgetriebenen Großkonzernen. Es wäre ein Blick zu werfen auf die Stiftungskonstruktion, für die Robert Bosch selbst noch zu Lebzeiten die Weichen gestellt hat: Die Familie nämlich hält nur noch einen Anteil von acht Prozent und hat kaum etwas zu bestimmen, während ein kleiner Kreis aktiver und früherer Bosch-Manager zusammen mit einigen weiteren Wirtschaftsgrößen die Linie vorgibt.

          Nur schlaglichtartig werden das Leben von Robert Bosch und die Geschichte des Unternehmens beleuchtet, wobei durchaus die Gegenwart nicht zu kurz kommt. So sinniert der heutige Bosch-Chef Franz Fehrenbach über die Frage, ob es moralisch zulässig ist, mit den Chinesen Geschäfte zu machen, die doch die Menschenrechte missachten - und er bezieht sich in seiner Argumentation auf Robert Bosch. Aus solchen Bruchstücken muss sich der Zuschauer selbst ein Bild zusammenpuzzeln.

          Die innere Zerrissenheit der Nachfahren

          Etwas Besonderes ist der Film, weil die Autorinnen den Gesprächen mit Nachkommen Robert Boschs breiten Raum geben. Sie führen damit Zeugen auf, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind, weil Zurückhaltung im Hause Bosch (und damit auch im Gesellschafterkreis) lange Zeit als Wert an sich galt. Eva Madelung und ihre Nichten und Neffen brechen nun aber das Schweigen. Eva Madelung, Tochter aus zweiter Ehe, bei deren Geburt Robert Bosch schon siebzig Jahre alt war, erinnert sich, wie ihr Vater in seinem Arbeitszimmer, über Hitler sprechend, einmal ausgerufen hat: „Ja, warum bringt denn den Kerle niemand um?“

          Vom Hadern Robert Boschs junior (1928 bis 2004) mit dem Vermächtnis seines Vaters berichtet der Film nichts, leider. Dabei liegt in seiner Biographie der Bruch: So war Robert Bosch, der Jüngere, als Elektrotechniker fast zwei Jahrzehnte in der Bosch-Geschäftsführung für Entwicklung zuständig, stieg dann aber im Alter von 43 Jahren aus, um Sozialpsychiatrie zu studieren. Dass sich das Ringen mit dem Familienerbe aber auf die Enkelgeneration übertragen hat, wird in Gesprächen mit Boschs Enkeln überdeutlich. Ein Denkmal zum Großvater zu haben war für sie eine besondere Last. Die innere Zerrissenheit der Nachfahren zu zeigen hat einen ganz eigenen Charme und ist durchaus verdienstvoll. Seinem Titel wird der Film aber nicht wirklich gerecht.

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