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Grimme-Preise 2009 : Wenn die Umgebung Amok läuft

  • -Aktualisiert am

Ludwig Trepte in „Ihr könnt euch niemals sicher sein” Bild: WDR/Thomas Kost

Ein Gymnasiast gerät in den Verdacht, einen Amoklauf zu planen: Der Fernsehfilm „Ihr könnt euch niemals sicher sein“, der die Geschichte einer Panik erzählt, bekommt den Adolf-Grimme-Preis. Die meisten Preise in diesem Jahr erhält der WDR.

          Anfang Februar geht die Grimme-Preis-Jury in Klausur. Nach wenigen Stunden stellt sich, dem genius loci entsprechend, der „Marler Effekt“ ein, auch „Marler Blase“ genannt. Raum und Zeit werden bedeutungslos, das „Draußen“ ist so weit weg wie der Mars und unabweisbare Realität gewinnt nur noch der Bildschirm mit seinen möglicherweise preiswürdigen Erzeugnissen. Am Ende einer spannungsreichen und diskussionsintensiven Woche wird über die Preisträger des Jahres endgültig abgestimmt. Die Begründungen sind schriftlich bis Mitte Februar einzureichen. Die Welt hat uns wieder.

          In diesem Jahr, zur Vergabe der 45. Adolf-Grimme-Preise, muss man den kalendarischen Ablauf der Preisfindung betonen. Denn, nein, die Jury hatte nicht im Sinn, ein besonderes Zeichen zu setzen, als sie mit „Ihr könnt Euch niemals sicher sein“ die beklemmende Chronologie einer Schulpanik einstimmig auszeichnete. Die Tat selbst und die Berichterstattung über den Amoklauf von Winnenden lagen noch in der Zukunft. Doch es gehörte auch im Februar keine prophetische Gabe dazu, sich vorzustellen, dass im Zuge der von manchen nicht erst jetzt dringend geforderten schulpsychologischen und polizeilichen Rasterfahndungen nach weißen, männlichen, unauffälligen Schulversagern auch immer mehr junge Männer in typischen Pubertätsnöten in den fatalen Sog eines falschen Verdachts geraten werden.

          Die Umgebung läuft Amok

          Ausgehend von dem Fall eines Kölner Gymnasiasten, der sich 2007 selbst tötete, nachdem er als potentieller Amokläufer polizeilich vernommen wurde, entwickelt der Film von Eva und Volker A. Zahn (Buch) und Nicole Weegman (Regie) den Fall des im doppelten Wortsinn undurchsichtigen Schülers Oliver, der im Deutschunterricht einen Zettel mit Hassreimen verliert (siehe: Fernsehen: Das Drama „Ihr könnt euch niemals sicher sein“). „Für Lehrer, Kollegien und Schulleitungen“, so die Jury, „ist die Frage nach der Berechenbarkeit ihrer Schüler zur Überlebensfrage geworden und Risikoabschätzung zur Grundlage des Fachunterrichts. Doch nicht etwa der Schüler läuft hier Amok, sondern seine Umgebung, die ihn mit kopfloser Angst vorsorglich kriminalisiert.“ Der Film allerdings „vermeidet Herablassung gegenüber denen, die sich um Haltung bemühen und dabei falsche Entscheidungen treffen.“ Er „wagt einen schwierigen Balanceakt bei einem schwierigen Thema und gewinnt ihm souverän festen, preiswürdigen Boden unter den Füßen ab“. Für seine Darstellung des Gymnasiasten Oliver erhält Ludwig Trepte seinen zweiten Grimme-Preis in Folge.

          Ulrich Noethen und Katja Riemann in „Das wahre Leben”

          Nach „Guten Morgen, Herr Grothe“ (voriges Jahr) und „Wut“ (vorvoriges Jahr) bleibt das Thema Schule als (Stellvertreter-)Kriegsschauplatz der Gesellschaft, und das ist die gute Nachricht, weiter präsent in der Riege der Ausgezeichneten des Jahres. Auch die anderen Preisträger im Bereich Spielfilm zeigen meist junge, meist männliche Einzelgänger, die sich zum Anpassungsdruck ihrer Umwelt verhalten (müssen). Wer will, kann Muster erkennen. „Das wahre Leben“ spielt sich in Alain Gsponers „Debüt im Ersten“ in (noch) gut situierten Kreisen so ab: Ein Sohn ist Bombenleger in Nachbars Gärten, der andere schwul bei der Bundeswehr; das Nachbarsmädchen (Hannah Herzsprung) fordert mit seiner Borderline-Störung Mutters Helfersyndrom heraus, die Mutter selbst ist eine aufgedrehte Galeristenzicke (Katja Riemann), der Vater plötzlich arbeitsloser Spitzenmanager.

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