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Fernsehvorschau „Tatort“ : So eine wird keine Leiche

Der verdeckte Ermittler und das bedrohte Mädchen: Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) mit der jungen Amelie (Michelle Barthel) Bild: ARD

Drei Farben der Kälte: Im „Tatort. Leben gegen Leben“ geht es zwar der Handlung nach um Organhändler, aber das wirkliche Ereignis sind die exzellenten Schauspieler und die von ihnen gezeichneten Figuren.

          Der Kriminalroman stellt die normale Spannungslogik des Erzählens auf den Kopf. Das Ende kommt bei ihm fast immer zuerst: der Tod. Und alles, was zu diesem Ende hinführt, wird gewissermaßen rückwärts erzählt, das eigentliche Geschehen wird nicht vorgelebt, sondern rekonstruiert. Die Spannung gründet also nicht wie bei den meisten anderen Erzählungen auf einem ungewissen Ausgang, sondern auf der Ungewissheit, ob man den gewissen Ausgang auch verstehen wird. Entweder man fragt sich, wer der Täter ist, oder man fragt sich, wie sie ihn kriegen.

          Im Hamburger "Tatort" um den verdeckten Ermittler Cenk Batu (Mehmet Kurtulus) wird die Erzählung wieder vom Kopf auf die Füße gestellt. "Ich bin nur wegen der Geschichte hier", sagt er einmal zum Opfer, das aber keines wird. Es gibt im Zentrum der Geschichte auch gar keinen Toten, nur einen Kollateralschaden am Nebenbösewicht. Man fragt sich auch gar nicht, ob der Täter geschnappt wird, sondern ob sie den Ermittler kriegen. Und was er opfern muss, damit sie ihn nicht kriegen. Sie, die Organhändler, denen er undercover vermeintlich hilft, um zahlungskräftigen Deutschen just in time Operationen unter Einsatz von frisch entnommenen Organen anzubieten. Hinterm Horizont der Geschichte gibt es also jede Menge Tote.

          Das Mädchen ist ein Ereignis

          Das vorgesehene Opfer ist eine Minderjährige vom Rand der Gesellschaft, die schließlich einwilligt, den Ermittlern als Köder zu dienen. Dass ein "Tatort" allerdings Michelle Barthel, die das entlaufene Kind als Spenderkandidatin spielt, am Ende drangeben würde, glaubt niemand, der sie auch nur zwei Minuten lang hat spielen sehen. Oder auch nur verschlossen schauen. Das Mädchen ist ein Ereignis: eine Schauspielerin, die weder durch Kessheit, Erotik, Anmut oder Hysterie hinreißt. Und doch bezwingend ist. Mitunter meint man, eine gepiercte Therese Giese als Achtzehnjährige zu sehen.

          So eine wird keine Leiche, denn man braucht sie noch für die vorletzte Einstellung. Insofern hält es sich mit der Spannung in Grenzen. Zum Schluss hilft dann auch ein bisschen viel Technik und Zufall, weil die Verbrecher zwar angeblich nur eine ganz kleine Mannschaft sind, aber in null Komma nix einen ganzen OP in einem riesigen leerstehenden Bürokomplex aufgebaut haben. Aber solche kleinen Unwahrscheinlichkeiten stören nicht sehr in einem Film, der bis in die Nebenrollen hinein - Godehard Giese glänzend niederträchtig als Handlanger, sein Spiegelbild Mario Irrek nicht minder als bösartig verwahrloster Vater - unglaublich gut besetzt ist. Man denkt mehr über die Figuren als über ihre Handlungen nach.

          Perfekt temperiertes Duo

          Das Duo Cenk Batu und Uwe - was denn auch sonst für ein hanseatischer Vorname! - Kohnau (Peter Jordan) ist perfekt temperiert: zwei Arten von Unterkühlung, die rationale, amtsförmige bei Jordan und die des einsamen, merkwürdig gehenden, merkwürdig schauenden Wolfs in der Sonderrolle bei Kurtulus. Der Täter, Stephan Bissmeier als verbrecherischer Mediziner aus der Abteilung nervöse Erbarmungslosigkeit, fügt eine dritte Variante hinzu, die der Kälte. Und da auch alle anderen Figuren stark an ihrer Coolness arbeiten, wundert man sich fast, dass es um Nieren geht und nicht um Herzen, die entnommen werden.

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