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Fernsehvorschau: Tatort „Das Gespenst“ : Du bist so kalt wie eine Hundeschnauze

Ermittlungsarbeit in der Badewanne: Karoline Eichhorn als Manu Seehausen (li.) bedroht Maria Furtwängler als Hauptkommissarin Charlotte Lindholm Bild: ddp

Kommissarin Lindholm schäumt. Der Entzug eines Falls, in den pikanterweise ihre Jugendfreundin verwickelt ist, widerspricht ihrer eisernen Rechtsauffassung. Die Grundkonstellation ist spannend, doch er will ein bisschen viel, dieser „Tatort“ zwischen Politthriller und Tiefenkunde in weiblicher Psyche.

          „Zu viele Männer, zu viel Hingabe“ - geben wir der Frau, die so von ihrer Mutter beschrieben wird, die Farbe Schwarz. „Du lässt dich nicht ein, du bist kalt wie eine Hundeschnauze“ - für diese Frau nehmen wir die Farbe Weiß. Schwarz ist Manu Seehausen, und sie ist am gleichen Adventstag des Jahres 1967 zu Reppenstedt nahe Lüneburg geboren wie Weiß, die wir regelmäßige „Tatort“-Kunden als Kommissarin Charlotte Lindholm kennen. Schwarz wird Ärztin, geht für eine Hilfsorganisation nach Afrika, sieht dort Bestialisches, wird entführt und von deutschen Agenten freigekauft. Woraufhin Manu fortan zwei Auftraggeber hat: den deutschen Staat in seiner geheimsten Form und eine terroristische Zelle, die den Diktator jenes zentralafrikanischen Landes ermorden will. Und damit ist die Farbe Grau im Spiel.

          Hannes Hintermeier

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für „Neue Sachbücher“.

          Die Wege von Schwarz und Weiß - in ihrer Jugend Busenfreundinnen, dann verloren sie sich aus den Augen - kreuzen sich, als die Doppelagentin einen Fehler macht. Während sie am Flughafen auf das Eintreffen des Diktators lauert, der in Hannover operiert werden soll, verliert sie bei einer Personenkontrolle die Nerven und erschießt den Polizisten. Doch sogleich sind die grauen Herren der Kriminalpolizei voraus. Als die Ermittlungen einsetzen, hat der Verfassungsschützer Ritter die Videoaufzeichnung eigenhändig gelöscht. Der Kripo wird der Fall als „geheime Verschlusssache“ entzogen, die in den Augen Lindholms (Maria Furtwängler) dringend tatverdächtige Jugendfreundin kommt frei, angeblich reichen die Beweise nicht. Die Kommissarin - alleinerziehend, von einem jugendlichen Galan bestürmt - schäumt. Ihre Rechtsauffassung ist eisern: Bei Mord endet die Freundschaft, und sei sie noch so groß gewesen.

          Liebes- und Treueschwur auf dem Kinderstühlchen

          Der Verfassungsschutz hofft auf den großen Coup: Ritter hat den deutschen Terrorzellenbetreiber Osburg (Pierre Besson) seit Jahren im Visier. Das geplante Attentat gegen den Diktator will er um jeden Preis verhindern, da verbiegt er gern deutsche Gesetze, lässt umstandslos die Polizei abhören, trickst, erpresst - und von dem „blonden Aas“ Lindholm will er sich schon gar nicht bremsen lassen. Dieses wiederum sitzt unfreiwillig mit Manu in einer Badewanne und lässt sich unter Androhung von Waffengewalt die komplizierte Motivgemengelage erläutern: In der zentralafrikanischen Heimat des Diktators wird das Roherz Coltan abgebaut, welches für die Herstellung von Speicherchips gebraucht wird. Den ungezügelten Abbau kontrolliert natürlich der Diktator. Dass deutsche Firmen involviert sind, schöpft das Drehbuch von Stefan Dähnert noch nicht annähernd aus.

          Jugendfreundinnen, durch das Verbrechen getrennt

          So weit, so spannend. Aber wie so viele Krimis bekommt auch „Das Gespenst“, der neue NDR-„Tatort“, einen Zug ins Schablonenhafte, sobald er den Gegensatz zwischen Kriminalpolizei und Geheimdienste in Szene setzt. Das Schattenhafte des Verfassungsschutzes manifestiert sich in papierenen Dialogen, vorgetragen im Brustton des Staatsmanns: „Ich lasse nicht zu, dass Radikalinskis unsere liberalen Gesetze missbrauchen“, erklärt der ölige, berechnende Ritter. Mag sein, dass niemand weiß, wie diese Leute wirklich reden. Ob sie im Alltag ihrer Arbeit tatsächlich Sätze wie „Auf welcher Seite stehen Sie eigentlich?“ sagen?

          Auf leeren Krankenhausfluren endet die Hase-und-Igel-Jagd vorhersehbar. Er will eben ein bisschen viel, dieser „Tatort“, will Politthriller sein, Tiefenkunde in weiblicher Psyche und Globalisierungskritik. Aber da sich Regisseur Dror Zahavi darauf konzentriert, das Tempo flott zu halten, fällt das gar nicht so ins Gewicht. Zudem verfügt er über glänzende Schauspieler wie Karoline Eichhorn (Manu) und Hansa Czypionka (Ritter). Zu Hause, in der nun beinahe fertig renovierten Wohnung, muss sich Mitbewohner Martin (Ingo Naujoks) auf einem Kinderstühlchen sitzend von Lindholm zudem eine Art Liebes- und Treueschwur anhören, so unterkühlt wie ihn nur eine niedersächsische Hundeschnauze abliefern kann.

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