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Fernsehkritik „True Blood“ : Viel schlürfen, tief schürfen

  • -Aktualisiert am

Bill (Stephen Moyer) und Sookie (Anna Paquin) kommen sich immer näher. Während sie seine Gedanken nicht lesen kann, schafft er es nicht, sie wie alle anderen Menschen zu hypnotisieren Bild: Home Box Office, Inc.

Dies ist eine Blutsauger-Serie für Erwachsene: „True Blood“ hat dem nachtwandelnden Vampir eine Frischzellenkur verpasst, die ihn noch ein bisschen fieser und gefährlicher macht. Selten hatte man so viel Spaß mit Draculas Erben.

          Eine Vampirserie! Das Blut gefriert uns in den Adern! Noch mehr Untote, die aus den Gräbern der popkulturellen Mythenverwertung steigen, um sich an unserer Aufmerksamkeit zu mästen. Ist die globale Zielgruppe des „Twilight“-Hypes, mit gefühlten tausend Romanen und Filmen, nicht ermattet, leer gesaugt, was finanzielle und psychische Ressourcen anbelangt? Verkraftet der Teenager überhaupt noch eine weitere Tragödie, in der hübsche Vampirjungs das Zölibat zum Lifestyle erklären? „Schnüffeln ja, knabbern nein“, war schließlich die Devise der Biss-zum-Morgengrauen-Bücher.

          Die Antwortet lautet: kann uns egal sein. Denn „True Blood“ ist die Blutsauger-Erzählung für Erwachsene, eine Pin-up-Version vampirromantischer Klischees. „Garantiert ohne Triebverzicht“ müsste das Label heißen, mit dem der amerikanische Sender HBO die Reihe zu Markte trägt. Was wir immer schon von Vampiren wussten, aber nie zu bebildern wagten: Mit „True Blood“ kommt es auf die Mattscheibe.

          Der Unhold, der Körpersäfte raubt und vorzugsweise Frauen überfällt, er ist seit Bram Stoker ein Wüstling, in dem sich das Verdrängte, Ungehemmte verkörpert. Francis Ford Coppola übersetzte mit seinem „Dracula“-Film (1992) diese Einsicht in eine barocke, schräge, verstörende Leidensgeschichte. Seitdem aber wurde der Vampir medial so lange sublimiert, bis am Ende Edward aus „Twilight“ herauskam, die cleane FSK-Ausgabe des saugenden Wüstlings.

          Die Rattrays schlagen Sookie (Anna Paquin) brutal zusammen. In letzter Minute greift Vampir Bill (Stephen Moyer) ein und tötet das Dealer-Pärchen
          Die Rattrays schlagen Sookie (Anna Paquin) brutal zusammen. In letzter Minute greift Vampir Bill (Stephen Moyer) ein und tötet das Dealer-Pärchen : Bild: Home Box Office, Inc.

          Die Untoten fristen ein ziviles Dasein

          „True Blood“ hat dem Nachtwandler nun eine Frischzellenkur verpasst. In der paradoxen Logik der Story heißt das: ihn noch ein bisschen fieser und gefährlicher gemacht. Offiziell sind die Vampire gesellschaftsfähig geworden: Dank dem titelgebenden „True Blood“, synthetisch herstellbarem Hämoglobinsaft, fristen die Untoten ein ziviles Dasein. Sie waren ja schon immer unter uns, aber mit dieser ungemütlichen Neigung zu Mundraub.

          Jetzt gestatten sie sich das Comingout. Die Parallelen zur schwulen Subkultur zieht die Serie mit ausdauernder Hingabe, wie überhaupt die Metaphorisierung des Vampirs ins Extrem getrieben wird. Er ist der assimilierungswillige Fremde, dem man eine heimliche Terroragenda unterstellt, ebenso wie die personifizierte Sucht, zumal sein Blut, von Menschen getrunken, viagraartige Wirkung hat.

          Solche Gestalten bringt man nicht in aseptischen Großstadtkulissen unter, sie gehören nach Louisiana, in den tiefsten Süden Amerikas. Hier, wo sich Rassismus und Bigotterie, historische Nostalgie und politische Reaktion zu einem Kulturgemisch zusammenschließen, trifft Bill (Stephen Moyer) auf Sookie (Anna Paquin), die telepathisch begabte Kellnerin der einzigen Pinte im Kaff Bon Temps. Natürlich ist es die große Liebe, aber den Wesen von „True Blood“ ist trotz künstlicher Grundversorgung nicht zu trauen.

          Wer hat Sookies Großmutter getötet?

          Wer dezimiert beharrlich Frauen in Bon Temps, vorzugsweise nach exzentrischem Liebesspiel? Und Sookies Großmutter, die geschichtsbewusste Lady, die im jahrhundertealten Bill einen Gesprächspartner für Reminiszenzen aus der Bürgerkriegszeit gefunden hatte - wer hat sie ermordet? War es Sookies Bruder Jason (Ryan Kwanten), der mit seiner Freundin dem sogenannten „V Juice“, dem Vampirblut, verfallen ist? Es brütet das Publikum über diesen Fragen wie die Sonne über den Bayous.

          Verschwitzt und gleichzeitig von semiotischer Coolness, feucht-fröhlich und doch messerscharf kalkuliert: So erzählt diese Serie noch einmal vom Vampir als Projektionsfigur für eine verwaltete, von Sachzwängen regulierte Welt. Selten sah man Draculas Erben so depraviert, selten hatte man so viel Spaß dabei. Ob als emblematische Figur für aufstrebende Bürgerrechtsbewegungen oder als Chiffre für das Subjekt jenseits sozialer Zensur: Die „True Blood“-Vampire sind blasser als ihre Vorgänger - und schillern umso mehr.

          True Blood läuft von heute an jeweils mittwochs um 22.05 Uhr und 23.05 Uhr bei RTL 2.

          Quelle: F.A.Z.

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