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Fernsehkrimi: „Nachtschicht“ : Bis in die Fingerspitzen der Gesellschaft

Der Bankier und das Mädchen: Friedrich Otto Winterstein (Jürgen Prochnow) und Irina Stolpovskaja (Iona Jacob) im Polizeirevier Bild: Stephan Persch

Die „Nachtschicht“ des ZDF ist ein fabelhafter Krimi, vielleicht der beste im ganzen deutschen Fernsehen. Sein Erfolgsgeheimnis liegt in einer kleinen, verschworenen Gemeinschaft. Diesmal geht es um Prostituiertenmord im gehobenen Milieu.

          „Ich habe von dir geträumt. Du warst tot.“ Marcella (Lisa Maria Potthoff) kommt direkt zur Sache. Hauptkommissar Erich Bo Erichsen (Armin Rohde) will von der Prophezeiung nichts hören. Der Tod ist sein tägliches Geschäft, an seinen eigenen will er nicht denken. Jede Nacht hat er es mit Mord und Totschlag anderer zu tun, das reicht.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die beiden, mit deren Dialog die „Nachtschicht“ des ZDF diesmal beginnt, haben eine Geschäfts- und eine private Beziehung. Marcella verkauft sich, der Kommissar aber ist nicht irgendein Freier, Marcella gewährt ihm einen Rabatt, den er nicht will, und sie gibt ihm später einen Hinweis, der die Ermittler in ihrem aktuellen Fall einen ersten entscheidenden Schritt voranbringt.

          Die junge Prostituierte Olga Lukalenko (Aleksandra Odic) ist erschossen worden, der Mörder hat ihre Leiche samt Wagen in der Elbe versenkt. Die Spur führt in die feinsten Kreise, zu dem Schönheitschirurgen Dr. Prinz (Kai Wiesinger) und zu dem Bankier Friedrich Otto Winterstein (Jürgen Prochnow). Fingerspitzengefühl erwartet der Kommissariatschef (Pierre Semmler) von seinen Ermittlern, sein eigener Umganston ist hart und nicht herzlich: „Ihr habt zehn Stunden, um den Scheiß aufzuklären.“ Lisa Brenner (Barbara Auer), Mimi Hu (Minh-Khai Phan-Thi) und Erichsen halten sich daran, sie lösen den Fall, das mit den Fingerspitzen überhören sie geflissentlich.

          Verschworene Truppe: Ken Duken, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi und Armin Rhode (von links nach rechts) ermitteln in der Nachtschicht
          Verschworene Truppe: Ken Duken, Barbara Auer, Minh-Khai Phan-Thi und Armin Rhode (von links nach rechts) ermitteln in der Nachtschicht : Bild: Stephan Persch

          Das Risiko der Komplexität

          Die „Nachtschicht“ des ZDF ist ein fabelhafter Krimi, vielleicht der beste im ganzen deutschen Fernsehen. Sie ist Film und Serie zugleich. Man kann den Ermittlern von der ersten bis zur nunmehr achten Folge auf den Fersen bleiben oder zum ersten Mal zuschalten - die Geschichte stimmt, sie packt. Wenn Zuschauer um die Vorgeschichte dieser Truppe wissen, ist es gut, es geht aber auch ohne. „Nachtschicht“ schlägt einen großen Bogen und immer wieder einen kleinen, schildert Milieus und Figuren haargenau, besitzt eine eigene Bildsprache - diesmal cool, scharf und farbsicher fotografiert von Kameramann Holly Fink - und einen Spiritus Rector, der alles zusammenhält: Lars Becker, der die Bücher schreibt und Regie führt.

          In all dem unterscheidet sich die „Nachtschicht“ von fast allen anderen Krimis im deutschen Fernsehen, auch von einer Qualitätsserie wie „Im Angesicht des Verbrechens“ von Dominik Graf, die im Ersten gerade grandios gefloppt ist. Es ist ein Risiko, die Zuschauer über mehrere Abende und Wochen hinweg bei der Stange halten zu wollen, mit einer verwickelten Story und einem opulenten Personaltableau. Die Sehgewohnheiten haben sich radikal verändert, auch ein „Schattenmann“ von Dieter Wedel hätte es heute schwer.

          Qualität aus verschworener Gemeinschaft

          Nicht so die „Nachtschicht“, die sich beschränkt und Überfluss sondergleichen produziert. Die Geschichte ist ungemein spannend, die Kommissare suchen einen Mord zu klären, während sich der nächste - dessen Opfer Marcella sein könnte - anbahnt. Es ist ein Countdown, in dem die Schauspieler ihr Bestes geben, alle sind sie so präsent, dass man vergisst, dass sie spielen. Das gilt für die Stammbesetzung wie für die Gäste - Lisa Maria Potthoff, Jürgen Prochnow, Dietmar Bär als überforderter Zuhälter und Sascha Göpel, der einen amoklaufenden Bankangestellten spielt. Das ist „24“ in neunzig Minuten, made in Germany. Besser geht es nicht.

          Das hat natürlich auch seinen Grund, und der liegt in der kleinen, konzentrierten, verschworenen Gemeinschaft, wie sie der im ZDF zuständige Redakteur Daniel Blum preist und der „Nachtschicht“-Macher Lars Becker zusammenhält und nur alle paar Monate zusammenruft. Daraus erwächst Qualität, die ihr Publikum findet. „Und wenn's Tag wird“, sagt Armin Rohdes Kommissar Erichsen zum Schluss, „denke ich immer, wir haben's geschafft.“ Da kniet er gerade vor der nächsten Leiche.

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