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Fernsehen : Willkommen in der Casting-Republik Deutschland

Junge Frauen lassen sich vorführen: „Mission Hollywood” Bild: RTL

Sind Sie schon gecastet? Wenn nicht, wird es Zeit: Die Sender brauchen frisches Material. Es kann einfach nicht genug Menschen im Fernsehen geben. Allerdings hat die Bezahlung Hartz-IV-Niveau.

          Die Republik wird neu vermessen. Seit Jahren schon. Nicht nach Quadratmetern, sondern nach Köpfen. Es ist eine Volkszählung sondergleichen. Während Google Straßen und Häuser von außen filmt und die ganze Welt kartographiert, schauen die Castingagenten direkt in die Zimmer. Der Begriff „Privatfernsehen“ bekommt eine neue Bedeutung. Gestern Couchpotato, heute ein Superstar. So lautet das Versprechen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Doch nicht zu Stars werden die Jedermänner, die das Programm bevölkern, sondern zu Kleindarstellern in einem Drama, dessen Drehbuch ein Happy End nicht kennt. Sie werden aufgerufen, verbraucht und wieder in die Welt entlassen, die sie nun mit neuen Augen sieht. Sie haben ihr Privatestes preisgegeben, sich persönlich geopfert - und sie merken es offenbar nicht einmal. Die Jüngsten sind noch zu klein zu begreifen, „gecastet“ wird schon an der Wiege.

          Ratgeber-Fernsehen nennt sich das Genre, das zuletzt mit der RTL-Produktion „Erwachsen auf Probe“ (siehe auch: Fernsehkritik: Erwachsen auf Probe) für Furore sorgte. Teenager, die angeblich schon eine Familie gründen wollen, gehen zum Eltern-TÜV. Mit echten Babys, die ihnen die Eltern übergeben. Dabei haben die Teenager genug damit zu tun, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen. Genau darum hat RTL sie ausgewählt. Der eine muss vor Gericht erscheinen, der andere sagt, dass er seine Freundin schlägt, wenn sie ihm nicht genug „Respekt“ zollt. Nachts liegt er die ihm zu Übungszwecken übergebene Babypuppe platt. Beim Aufwachen bekümmert ihn das kaum. Er macht sich über einen bösen Traum Gedanken, in dem ihn seine Freundin, die eine Vorliebe für schwarze Männer haben soll, betrügt. Trotzdem bekommt auch er ein echtes Baby, das in der nächsten Folge fast vom Wickeltisch fällt.

          Kleinkind abzugeben: Der neun Monate alte Lasse wechselt in die Obhut der Jugendlichen Tamara (17) und Basti (18)
          Kleinkind abzugeben: Der neun Monate alte Lasse wechselt in die Obhut der Jugendlichen Tamara (17) und Basti (18) : Bild: RTL

          Was das alles soll? Ganz einfach

          Der Protest gegen die Sendung war massiv - und nicht wohlfeil, auch wenn sich der Sender und etliche Branchenzyniker beeilten, ihn als heuchlerisch zurückzuweisen. Mehr als fünfzig Strafanzeigen sind gegen „Erwachsen auf Probe“ eingegangen, die Kölner Staatsanwaltschaft hat in der vergangenen Woche Ermittlungen aufgenommen.

          Die Kritik lässt sich reduzieren auf eine Frage, welche die Vizepräsidentin des Deutschen Kinderschutzbunds, Marlis Herterich, stellte: Was soll das Ganze? Worin liegt der Sinn? Was rechtfertigt die Gefahren? Die Antwort ist einfach, aber offiziell nicht zu hören: Das Programm ist billig, die Protagonisten sind willig, das Publikum schaut hin. Moralische Fragen spielen keine Rolle. Wer sie stellt, wird Teilnehmer einer Inszenierung, die wir seit „Big Brother“ kennen. Wollten die Produzenten des sogenannten Reality-Fernsehens zunächst Tabubrecher sein, versuchen sie es heute in der Rolle von Sozialdienstleistern: Bei „Erwachsen auf Probe“ geht es angeblich darum, Jugendliche davon abzuhalten, zu früh eine Familie zu gründen.

          Früher war das sexuelle Belästigung

          Worum aber geht es beim zweiten Aufreger dieser Tage, mit dem der Privatsender RTL in den Urschlamm seiner Gründertage zurückkriecht? „Mission Hollywood“ (siehe auch: Glaube, Liebe, Striptease: „Mission Hollywood“ bei RTL) soll einer hoffnungsvollen Nachwuchsschauspielerin eine kleine Rolle im Kinofilm „Twilight“ bescheren. Vor die Arbeit am Set haben die Produzenten der Casting-Show einen Striptease, einen gemimten Orgasmus und einen Kuss unter Frauen gesetzt. Das waren die Szenen aus Filmen wie „9 1/2 Wochen“, „Harry und Sally“ und „Eiskalte Engel“, welche die jungen Frauen zum Auftakt der Show vorspielen sollten. Obgleich manche Widerstand leisteten und eine sich keine künstlichen Nippel an den Busen kleben lassen wollte - das Drehbuch kannte kein Pardon. Die Jury auch nicht. Hernach bewerteten die Schauspieler Til Schweiger und Heiner Lauterbach die Überzeugungskraft der vorgespielten Orgasmen. Was bis dato als sexuelle Belästigung galt, hier wird es zur Unterhaltung. Die Oben-ohne-Show „Tutti Frutti“, mit der RTL sein Senderdasein einst begann, ist ein softpornograpischer Witz dagegen.

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