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Veröffentlicht: 30.09.2009, 09:19 Uhr

Fernseh-Kult: Bob Ross Der Maler ist tot, es lebe der Maler

Mit seinem rund halbstündigen Fernseh-Malkurs „The Joy of Painting“ ist Bob Ross in den letzten Jahren zum Aushängeschild des Kulturkanals Bayern alpha geworden. Das Konzept der Show ist so simpel wie bestechend: Es verheißt Glückseligkeit.

von Christian Heger
© Bob Ross Company Die Welt ist schön: Bob Ross

Ein Mann mit einer riesigen Lockenmähne steht vor einer weißen Staffelei und malt. In rund dreißig Minuten entsteht auf der Leinwand eine Landschaft mit Bergen, Bäumen und See, einem kleinen verschneiten Holzhäuschen und blassrotem Wolkenhimmel. Es ist ein Uhr nachts, die Welt liegt im Dunkel, und im Fernsehen läuft „The Joy of Painting“.

Mit Hypnosestimme erzählt Bob Ross, ein treu blickender Amerikaner mittleren Alters, dem schläfrigen, schon bettfertigen Zuschauer von der atemberaubenden Schönheit der Landschaften Alaskas, von seinem Sohn Steve und putzigen Wildtierjungen, die er als Waisen bei sich zu Hause aufnahm. Die Minuten fliegen dahin, während sich die Leinwand auf dem Bildschirm füllt – man versinkt in einen Mantel aus Glückseligkeit. Am Ende ist das Gemälde fertig, und sieht genauso aus, wie Hunderte andere zuvor – idyllisch, romantisch und oft ein wenig kitschig. Doch das ist gleich, denn darum geht es nicht, im zeitlosen Mal-Kosmos dieser wohl unnachahmlichen Wohlfühl-Show.

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Das Aushängeschild des Senders

Bob Ross ist Kult. Seit nunmehr acht Jahren sendet der bayerische Kulturkanal BR alpha seinen legendären Fernseh-Malkurs, der zum Kanon der Popkultur zählt. Nicht nur der amerikanische Cartoon-Klassiker „Family Guy“ hat den Künstler inzwischen parodiert, sondern auch Michael Herbigs „Bullyparade“. Derweil führt das Online-Netzwerk StudiVz hundertachtzig Themen-Gruppen unter seinem Namen auf, in denen sich 25 000 Mitglieder über sein Werk unterhalten: Obgleich der Mann mit der Afro-Frisur vor vierzehn Jahren starb, ist seine Popularität ungebrochen. Nach Angaben des Bayerischen Rundfunks ist die Akzeptanz von „The Joy of Painting“ beständig, die Ausstrahlungsrechte wurden kürzlich um vier weitere Jahre verlängert. Das war zu erwarten, Bob Ross (1942 bis 1995) ist zum Aushängeschild des Senders geworden, an seinen Bekanntheitsgrad reichen allenfalls der Astrophysiker Harald Lesch („Alpha-Centauri“) und der Programmchef-Talkmaster Werner Reuß („Alpha-Forum“) heran.

BR ALPHA © Bob Ross Company Vergrößern „In your world, you can do everything you want!”: Bob Ross malt idyllische Hütten...

Seit 2001 läuft der Malkurs in Dauerrotation – samstagabends, sonntagmorgens und im werktäglichen Nachtprogramm. Die Zuschauer sind überwiegend junge Menschen, speziell studentisches Publikum, dem Ross’ Duktus der sprachlichen Entschleunigung reine Entspannung ist. Der Erfolg der Show beruht auf der Schlichtheit: eine schwarze Studiokulisse, eine Leinwand und davor der Maler in hellblauem Hemd, die Palette in der Hand.

Beruhigende Regelmäßigkeit

„Hi, welcome back!“, beginnt Ross stets. „I’m certainly glad you could join us today!“ Im Nu werden die Farben aufgezählt, die man zum Mitmalen braucht – von „Dark Siena“, über „Yellow Ochre“ bis zu „Titanium White“. Dann macht sich der Künstler ans Werk. Mit seiner eigens entwickelten „Nass-in-Nass-Technik“, die ein zügiges Malen in Echtzeit erlaubt, zaubert er filigrane Landschaften mit Arbeitsutensilien, die man eher in der Tasche eines Anstreichers vermuten würde: In den meisten der über 400 Folgen reicht ihm ein grober, quastartiger Pinsel (der Two-Inch-Brush) und ein Spachtel, damit bannt er Wälder und Gebirgsgipfel scheinbar mühelos auf die Leinwand.

In einer Zeit des multimedialen Dauerbombardements birgt „The Joy of Painting“ den dramaturgischen Kontrapunkt zur unentwegten Reizüberflutung. Der Ablauf ist genau festgelegt und mit der Stoppuhr erprobt. Die sprichwörtlich gewordenen Wendungen wiederholen sich in beruhigender Regelmäßigkeit: „Everyone can be an artist“, erklärt Ross ermutigend, und: „We don’t make mistakes, we just have happy little accidents.“ Beim Reinigen des Pinsels lächelt er verklärt in die Kamera, und hin und wieder gibt es Einspielungen, die ihn mit seinem privaten Haustierzoo zeigen. Es ist ein kindlicher, fast naiver Blick auf die Welt. Vor Ross’ spirituellen Binsenweisheiten – „every creature in this world needs a friend“ – versagt jede rationale Kritik.

Eine bewusste biographische Entscheidung

Die wenigsten allerdings wissen, dass hinter dem Sendungsbewusstsein des vermeintlichen Alt-Hippies eine bewusste biographische Entscheidung steckt: Nach zwanzig Jahren Militärdienst, sagte der Maler in einem Interview, habe er nie mehr die Stimme erheben wollen und sich der Kunst verschrieben. Der berufliche Umstieg vollzog sich rasch: In den siebziger Jahren nahm Ross Malstunden, ließ sich von der Technik seines Lehrers Bill Alexander inspirieren und bot bald eigene Kurse an. Bei den Dreharbeiten zu einem Werbespot zog er 1983 das komplette Sendeteam des Chicagoer Lokalsenders PBS in den Bann, dessen Manager ihm prompt einen Vertrag anbot. Kurz darauf liefen die ersten dreizehn Episoden von „The Joy of Painting“ – am Anfang jedoch in technisch mangelhafter Qualität. Tatsächlich gelten die ersten vierzehn Staffeln aufgrund einer zu grobkörnigen Auflösung als unsendbar, ausgestrahlt werden heute die fünfzehnte bis einunddreißigste Staffel (1988–1993).

Der Popularität von Bob Ross hat das nicht geschadet. Ein Firmen-Imperium verwaltet seinen Nachlass in Form von patentierten Malmaterialien, speziell ausgebildete Instrukteure lehren seine bekannte Methode. Und aus dem Fernseher tönt es noch immer beim Abschluss einer jeden Sendung: „From all of us here: We wish you happy painting and God bless, my friend!“

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