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Fernseh-Dreiteiler „Dreileben“ : Drei Regisseure retten das deutsche Fernsehen

  • -Aktualisiert am

Ein entlaufener Sexualstraftäter, eine ambitionierte Polizeipsychologin und ein überfordeter Kommissar: Drei Episoden von drei Regisseuren - Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler -ergeben den Mehrteiler „Dreileben”. Bild: ARD

„Dreileben“ heißt der Ort, an dem Dominik Graf, Christoph Hochhäusler und Christian Petzold eine Geschichte in drei Teilen erzählen. Um Liebe, Hass und Tod geht es. Und um die Frage, wie man das Medium Fernsehen in Hochform bringt.

          Am Ende weiß man nicht genau, ob die drei Regisseure mit ihrem Projekt nun Thüringen oder doch die ARD retten wollten, aber sie schaffen beides, und da kaum etwas dringender gerettet werden muss als Thüringen und die ARD, kann man nur sagen: danke. Der kommende Montag würde, wenn man über das Fernsehen spräche wie über das Wetter, der schönste Tag des Jahres genannt werden müssen, ein Spätsommerereignis wie in der Hängematte ausgedacht. Danach beginnt dann übergangslos der Fernsehwinter, zumindest gefühlt, denn von September an wird in der ARD fünfmal pro Woche getalkt. Darüber, wer das braucht, kann man beim Zusehen - oder nach dem Abschalten - ausführlich nachdenken. Oder man erinnert sich dann eben an den Tag, an dem die ARD für einen Abend gerettet wurde.

          In solchen Kategorien muss gedacht werden, wenn es um „Dreileben“ geht, das weiß auch ARD-Programmdirektor Volker Herres. Dass das Erste Deutsche Fernsehen die drei Filme, die am Montag zu sehen sein werden, zeige, spreche für das „von vielen Kritikern oft totgesagte künstlerische Potential unseres Mediums“, schreibt er zur Einführung in das „ungewöhnliche filmische Experiment“. Dass viel häufiger die Phantasie der Programmverantwortlichen totgesagt wird als das zweifellos tolle Medium Fernsehen, mit dem sich kein Kritiker beschäftigte, hielte er es für tot, übersieht er dabei allerdings. Jedenfalls scheint Herres selbst ganz angetan von seinem Mut, mal etwas zu wagen, er schreibt von „Kunst, die die Zeit in bewegte und bewegende Bilder fasst“ und „unsere Wirklichkeit“, die sich „in den drei Filmen gebrochen spiegelt“. Dann ist der Text zum Glück zu Ende.

          Drei in Serie

          Weniger verschwurbelt und viel schöner ist die Filmtrilogie, von der die Rede ist. Christian Petzold, Dominik Graf und Christoph Hochhäusler haben sich dafür zusammengetan und drei Filme gemacht, die zusammengehören, weil sie sich einen Handlungsort, eine Zeitspanne und ein Ereignis teilen, und von denen doch jeder für sich steht, weil jeder Regisseur eine eigene Geschichte erzählt. Auf die Idee kamen die drei, als sie untereinander hin und her mailten und den Zustand des deutschen Kinos, die Einsamkeit der Filmemacher und andere Filmemacherprobleme besprachen (nachzulesen ist die Korrespondenz in der Filmzeitschrift „Revolver“). Man kann nicht behaupten, dass zu wenig gemailt würde; schade nur, dass nicht öfter Projekte wie „Dreileben“ dabei herauskommen.

          So erlebt es nun der deutsche Fernsehzuschauer tatsächlich, dass beginnend um 20.15 Uhr drei Filme von je neunzig Minuten nacheinander laufen, und wer das irgendwann für eine Art Bayreuther Festspiele in bequem und unterhaltsam hält, liegt nicht ganz falsch. Neben der Dauer des Vergnügens, die ungefähr der einer „Parsifal“-Inszenierung entspricht, legt auch die Freude der Filmemacher am Mythologischen den Vergleich nahe. Es gibt Liebe, Hass, Tod, Tannen und Thüringen, und dieses Land, vielmehr seine wunderbare Landschaft, kommt bei Petzold, Graf und Hochhäusler zu ganz neuen Ehren. Bisher gab es vielstündige Thüringen-Impressionen vor allem im Nachtprogramm der ARD, nämlich in Form von Führerstandsmitfahrten auf Deutschlands schönsten Bahnstrecken. Allein, Spannung und Anspruch hielt sich in Grenzen, der Zuschauer dämmerte weg.

          Nicht ohne Klinik

          Damit ist es nun vorbei, denn Thüringen dient den Berliner und Münchner Regisseuren als Schauplatz für ihre drei Geschichten. Sie haben den Ort „Dreileben“ erfunden, in dem es so aussieht wie fast überall im Thüringer Wald in der Gegend um Oberhof und Suhl, wo gedreht wurde: dunkel, selbst bei Sonnenschein. Das kommt vielleicht von den Tannen oder den Häusern, die geduckt unter den Tannen stehen, im Schatten irgendeiner steinernen Burg oder in niedrigen Reihen an grauen Straßen. Hin und wieder findet sich eine Klinik dazwischen, in der Lungenkranke oder Verstörte ihr Heil suchen und nur manchmal finden.

          Eine solche Klinik gibt es auch in Dreileben, und was dort geschieht, ist das Ereignis, das die drei Filme verbindet: Frank Molesch, ein verurteilter Sexualstraftäter, flieht aus dem Krankenhaus, in das er gebracht wurde, um sich von seiner dort soeben verstorbenen Mutter verabschieden zu können. Christian Petzolds Film „Etwas Besseres als den Tod“, den die ARD als Erstes zeigt, beginnt damit. Allerdings bleibt Molesch in der Liebesgeschichte, die der Regisseur erzählt, ein Schatten, dessen Gesicht ein paarmal hinter Tannenstämmen und in Höhlen aufleuchtet, aber nur, wenn die zwei Protagonisten, Johannes und Ana, seinen Fluchtweg scheinbar zufällig kreuzen. Ihnen sieht Petzolds Kamera zu, nicht dem Entflohenen.

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