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FAZ.NET-Frühkritik: Illner : Das Ende der Abwrackprämie

  • -Aktualisiert am

Kein Familienbild vorgeschrieben: Silvana Koch-Mehrin Bild: AP

Einmal Chefarztgattin, immer Chefarztgattin? Maybritt Illner wollte die Folgen des neuen Unterhaltsrechts auf die provokante Formel: „Ehe - Kinder - Scheidung - Hartz IV“ bringen. Doch die Reform ist nicht als Konjunkturprogramm für die Anwaltszunft gedacht.

          Man kann das so sehen: dass es die Frauen sind, die Kinder und Familie meiden, weil Kinder und Familie noch immer nicht wirklich vereinbar sind mit dem Berufsleben in Deutschland. Man kann sich vor ein Reißbrett setzen, endlos über Elterngeld diskutieren und Kindergeld, über Elternzeiten und Kindertagesstätten, kann nach Systemen suchen und Modellen und das Leben bis auf Heller und Pfennig und Stunde durchrationalisieren, wenn einem das Umverteilungsbingo in den Genen liegt.

          Die Frauen aber, denkt man nach einem angenehm ruhigen Talkshow-Abend wie diesem, sind nicht wirklich das Problem. Das Problem ist womöglich eine Gesellschaft, die bei Frauen noch immer nicht automatisch auch an Männer denkt, die Eigenverantwortung scheut und ein kunterbuntes Familienleben für das Worst-Case-Szenario des Erwerbslebens hält. In welcher Konstellation auch immer.

          Düstere Frage, eindeutige Antwort

          „Können sich Frauen Familie noch leisten?“. Das fragte Maybritt Illner angesichts des neuen Unterhaltsrechts und hängte die Formel „Ehe - Kinder - Scheidung - Hartz IV“ so düster in die Programmhefte, als sei die Reform das endgültige Aus für alle jene, die auf geburtenstarke Jahrgänge hoffen.

          Die Antwort klang aus den Mündern der unaufgeregten Politik eindeutig: Können sie, nickten Armin Laschet und Silvana Koch-Mehrin, er in seiner Eigenschaft als christdemokratischer Familienminister in Nordrhein-Westfalen, sie als Carte Blanche und daher weiß gekleidete Karrieremutter der Liberalen. So zufriedene Gesichter sieht der gebeutelte Talkshow-Zuschauer ja dann doch eher selten.

          Den neuen Mann gibt es nicht

          Mit ihnen ging zudem Richterin Isabell Götz, stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Familiengerichtstages, gängige Fehlinterpretationen einer Reform an, die den Bundestag mit parteiübergreifender Mehrheit passierte: Nein, sagte auch Götz bester Laune, die deutsche Richterschaft werde künftig nicht in einem Akt staatlicher Ordnungswut durchs Land streifen, um erst Väter von den Unterhaltszahlungen zu befreien und dann geschiedene Mütter dreijähriger Kinder zur Vollzeitarbeit zu verdonnern. Das neue Unterhaltsrecht zeichne sich durch eine gerechte Einzelfallprüfung und eine Überwindung des alten „08/15“-Systems aus, demzufolge alleinerziehende Mütter nach der Scheidung dank des väterlichen Beitrags bis zum achten Geburtstag ihres Kindes nicht und bis zum 15. nur halbtags arbeiten mussten. Oder konnten. Je nachdem.

          Zwei Podiumsgäste freilich blieben skeptisch. Christa Müller, Guerilla-Mutter der saarländischen Linken, und die 27 Jahre alte Sophia Kuby, die Medienarchive als Pilgerin der „Generation Benedikt“ und bayrische Konservative ausweisen, wollten sich von ihren Idealvorstellungen nicht lösen: Müller war an der Warnung vor liebevollen jungen Vätern („Den neuen Mann gibt es nicht“) und dem zweiten Frühling älterer Männer gelegen, zeitweilig auch an der Werbung für ein staatliches Erziehungsgehalt.

          Rudolph rausgeschnitten

          Sophia Kuby hingegen warb für die glückliche Ehe, die Liebe, die bewusste Entscheidung auf den Karriereverzicht und das Vertrauen in den finanziell überlegenen Gatten. Der Einwand Laschets und Koch-Mehrins, das neue Unterhaltsrecht sei gerade deshalb gerecht, weil es kein Familienbild vorschreibe, den Sinn für die Eigenverantwortung beider Elternteile stärke und endlich auf das Wohl des Kindes ausgerichtet sei, beeindruckte sie wenig. Auch Laschets Bemerkung nicht: „Manchmal sind es Frauen, die Ehen beenden.“ No risk, sagte sie, no fun.

          Ach ja, und dann saßen da natürlich noch eine verlassene Mutter, mit der sich en passant auf die neue ZDF-Doku „Kleine Familie sucht große Liebe“ verweisen ließ, und Claude Oliver Rudolph, seines Zeichens Schauspieler und bestellter Macho. Der saß dort so augenklein, als hätte ihn die Redaktion eben erst aus dem Hotel gezerrt, zwirbelte an einer Sonnenbrille und fragte sich, ob ihn die Leistung für die Einladung qualifiziert haben mag, ein Vierteljahrhundert verheiratet gewesen und Vater zweier Kinder zu sein, oder die Tatsache, sich vergeblich gegen rückwirkende Unterhaltszahlungen für ein drittes (unfreiwillig vor etlichen Jahren gezeugtes) Kind gewehrt zu haben. Als er feststellte, was er schon geahnt hatte, beschränkte sich Rudolph auf einen kurzen Hinweis auf schauspielerisch notwendige Milieustudien bei Rotlicht, hintertriebene Bardamen, auf die vielen Besatzungskinder, die entsprechende „Farbigendichte in Bayern“ und die nervenstarken Mütter im deutschen Film.

          Aber gut. Den schneiden wir aus dem Gedächtnis raus. Wir hätten uns gefreut, wenn statt dessen vielleicht ein Wirtschaftsvertreter dort gesessen und darüber nachgedacht hätte, welche Möglichkeiten es gäbe, eine familienfreundlichere Kultur an den Arbeitsplätzen und mehr Verständnis für flexible Arbeitszeiten und die ganz praktischen Sorgen junger Familien anzustoßen. Denn das, Hand aufs Herz, ist zwar nicht zu verordnen, könnte aber neben der Geburten- auch der Scheidungsrate helfen. Mit dem hastigen Ausbau des Kita-Angebotes jedenfalls, der auch bei Illner wieder als Allheilmittel mit Erfolgsgarantie anno 2013 gepriesen wurde, ist es kaum getan.

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