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Dokudrama über Adolf Eichmann : Wie konnte er sich je unsichtbar machen?

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Nicht zur Mimikry fähig: Herbert Knaup in der Rolle des Adolf Eichmann in dem ARD-Dokudrama „Eichmanns Ende” Bild: NDR/Marion von der Mehden

Die melodramatische Verpackung passt nicht zu einem der fürchterlichsten Verbrecher aller Zeiten. Die ARD zeigt heute Raymond Leys Film über Adolf Eichmanns Ende. Herbert Knaup brilliert in der Rolle des Massenmörders.

          Der Titel ist ärgerlich. Raymond Leys Film behandelt nicht „Eichmanns Ende“, sondern läuft auf Eichmanns Entführung durch den israelischen Geheimdienst am 11. Mai 1960 zu. Das letzte Kapitel spielte sich vor der Weltöffentlichkeit ab. Jedermann kennt die Bilder des hageren, glatzköpfigen Hornbrillenträgers im Glaskäfig. Die Weltpresse entsandte Sonderkorrespondenten und berichtete täglich; aus zwei Prozessreportagen sind klassische Bücher hervorgegangen, „Strafsache 40/61“ von Harry Mulisch und „Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen“ von Hannah Arendt. Die Verhandlungen wurden auf Film aufgezeichnet, denn der Prozess gegen einen der Haupttäter des Verbrechens, dessen überlebende Opfer den Staat Israel gegründet hatten, sollte ein Lehrstück sein. Der charismatische Ankläger Gideon Hausner rollte die Weltgeschichte des Judenhasses auf. Eyal Sivan hat 1999 die erhaltenen 350 Stunden zu einem zweistündigen Film zusammengeschnitten: „Der Spezialist“.

          Hausner wollte die Dokumentation von Gesprächen in die Beweisaufnahme einführen, die ein holländischer SS-Veteran, Willem Sassen, in Argentinien mit Eichmann geführt hatte. Kleine Auszüge hatte Sassen als Interviews an illustrierte Zeitschriften verkauft. Nur einen Teil des „Sassen-Berichts“ ließ das Gericht als Beweismaterial zu. Zwischen 1955 und 1959 nahm Sassen siebenundsechzig Tonbänder auf, deren Transkription achthundert engbeschriebene Seiten füllt. Wissenschaftlich untersucht wurde dieses umfangreiche Kapitel der sehr umfangreichen Selbstauskünfte Eichmanns 2001 von Irmgard Wojak, der heutigen Gründungsdirektorin des NS-Dokumentationszentrums München, in ihrem Buch „Eichmanns Memoiren. Ein kritischer Essay“. Frau Wojak kommt in Leys Film zu Wort, der die Gespräche Eichmanns und Sassens und die Geschichte von Eichmanns Enttarnung gegeneinanderschneidet.

          Geschmacklos, unverhältnismäßig, indezent

          Auf diese Geschichte bezieht sich der Untertitel „Liebe, Verrat, Tod“, und er ist noch ärgerlicher als der Haupttitel. Aber vielleicht soll man sich nicht darüber ärgern, dass die ARD sich genötigt glaubt, sogar die Geschichte eines der fürchterlichsten Verbrecher aller Zeiten, der seit seinem ersten Wort zu den Richtern als anthropologisches Rätsel vor den Augen der Menschheit steht, melodramatisch zu verpacken. Der blinde KZ-Überlebende Lothar Hermann soll dem hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer den entscheidenden Hinweis gegeben haben. Seine Tochter hatte sich mit Eichmanns Sohn Klaus angefreundet. Diese Freundschaft erreichte allerdings, wie der Film sie darstellt, nicht die Ebene der Vertrautheit, die es rechtfertigen würde, hier von Verrat zu sprechen. Vor dem Hintergrund der hunderttausendfach ausgenutzten Arglosigkeit der Opfer des „Verratenen“ ist diese Wortwahl geschmacklos.

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          Leys Film ist ein „Dokudrama“, verbindet Zeitzeugen-Interviews mit nachgestellten Szenen. Diese sollen, so ARD-Chefredakteur Thomas Baumann, „das Vorstellungsvermögen des Publikums dort“ befördern, „wo die vorliegenden Tonband- und Textdokumente allein eine fernsehgerechte Darstellung des Stoffes nicht zulassen“. Die Spielszenen der beiden Stränge fallen leider auseinander. In den Gesprächen mit Sassen folgt das Drehbuch dem Wortlaut der Tonbänder. Dagegen ist das Familiendrama der Hermanns mit Fernsehfilmphantasie erfunden. Die Tochter gibt keine Auskünfte. Könnte man nicht respektieren, dass eine Frau, die einmal eine Entscheidung mit geschichtlichen Konsequenzen zu treffen hatte, sich ins Privatleben zurückgezogen hat? Nur die Mörder haben die Hermanns in die Geschichte gezerrt, und wenn man nun von Nachbarn hört, Lothar Hermann sei besessen gewesen von Rachedurst, dann wirkt das im Rahmen einer Thriller-Dramaturgie, die ihn zum Gegenspieler Eichmanns macht, unverhältnismäßig und indezent.

          Herbert Knaups Schauspielkunst setzt einen Standard der Authentizität

          In dem Dorf, aus dem Lothar Hermann vertrieben wurde, hat man noch Leute angetroffen, die sich an ihn erinnern. Wenn diese Greise nun vom Rollstuhl aus in die Kamera sagen, einen Reibach, wie man in der Judensprache sage, hätten Hermanns Eltern nicht gemacht, und wenn sie es hilflos „den Verderb“ nennen, dass man die Juden umgebracht habe, die doch auch Menschen und nicht nur Juden gewesen seien, dann kann das erschrecken. Aber braucht ein Film über Adolf Eichmann solche Schnipsel vom hässlichen Deutschen im Stadium der Hinfälligkeit? Herbert Knaups Schauspielkunst setzt einen anderen Standard der Authentizität.

          Die Melodie von Eichmanns umständlichen, ruckweise fortschreitenden Sätzen, die schiefes Bild an verwackelten Begriff reihen wie eine Diaschau mit klemmendem Projektor, transponiert Knaup in Körpersprache. Jeder noch so kleinen Bewegung gibt er eine Bedeutung - als wäre Eichmann gar nicht fähig gewesen, sich unsichtbar zu machen. Ulrich Tukurs Sassen bietet ihm vergeblich ein Rollenmodell an, den Nationalsozialisten als geschmeidigen Spieler, der sich auf das Herunterspielen der Opferzahlen verlegt. Mit den Sassen-Interviews wollte Hausner beweisen, dass Eichmann nicht nur der bürokratische Befehlsexekutor war, als der er sich den Richtern vorstellte. Jan Philipp Reemtsma hat zu bedenken gegeben, dass Eichmann sich auch vor Sassen dem Publikum angepasst habe - der Erwartung Sassens, einen Hauptakteur des Weltgeschehens zu erleben. In Herbert Knaups faszinierender Deutung haben wir nun einen Eichmann vor uns, der zur Mimikry unfähig ist.

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