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Die „heute-show“ im ZDF : Ein Schnaps aufs Grundgesetz

Der Ankermann der ZDF-„heute-show”: Oliver Welke Bild: ddp/ZDF/Irena Pavor/Stefan Menne

Die neue „heute-show“ des ZDF war so, wie eine Nachrichtenparodie idealerweise sein soll: schnell, bissig und witzig. Allerdings leider nur ganz am Ende. Die satirische Relevanz muss sich die Sendung erst noch erarbeiten.

          Am Ende immerhin stimmte der Rhythmus. Da amüsierte sich Oliver Welke darüber, wie Frank-Walter Steinmeier voll aufgesetzter Entrüstung den Vergleich seiner SPD mit einem alten, hin- und hergeschobenen Möbelstück zurückwies, den überhaupt niemand aufgestellt hatte. Da wurde die dramatische 180-Grad-Wende vorgeführt, mit der Claudia Roth ein Rednerpult verließ. Da erklärte der RTL-Anchorman Peter Kloeppel, dass der Reichstag oder das Kanzleramt von dem Studio, in dem er gerade neben der Kanzlerin saß, jeweils einen Steinwurf entfernt sei, und Welke kommentierte: „So werden in Berlin Entfernungen gemessen: in Steinwürfen. Fünf Steinwürfe sind ein Joschka.“

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          In diesen letzten Minuten war die neue „heute-show“ des ZDF so, wie eine Nachrichtenparodie idealerweise sein soll: schnell, bissig, witzig. Und Welke deutete an, dass er in die Rolle des Anchormans, der der Sendung ein unverwechselbares Gesicht gibt, womöglich hineinwachsen kann. Beim Vorbild „Rudis Tagesshow“ radebrechte Carrell einst so, wie es sich ein echter Nachrichtenmann niemals hätte leisten dürfen, und war als mit allen Wassern gewaschener Fernsehroutinier doch unumstrittener Kopf der Sendung. In Amerika hat es Jon Stewart mit seiner „Daily Show“ gar zu gewaltigem politischen Einfluss und hoher moralischer Autorität gebracht. Beides wird der Panel-Show-Tingler Welke nie erreichen können, strebt es aber auch gar nicht an. Stewart, sagt er, habe davon profitiert, die „Speerspitze der Opposition“ gegen den damaligen Präsidenten George W. Bush zu bilden: „Ein vergleichbares Feindbild haben wir leider nicht.“ Das wäre auch gar nicht erwünscht im öffentlich-rechtlichen ZDF, wo nicht nur die Fernsehräte genau hinschauen werden.

          Bemüht, aber zäh

          Der Start der „heute-show“ geriet durchaus bemüht, aber zäh. Welkes Running Gags zu den möglichen Investoren bei Opel wollten nicht zünden, manch Seitenhieb blieb unverständlich (Ist Guttenberg der „Gustav Gans der Politik“, weil er soviel Glück hat - oder doch nur aufgrund seiner Erscheinung?), mit Themen wie Hämorrhoiden, Inkontinenz und Penislängen tummelte man sich in Unterleibsregionen. Dietrich Hollinderbäumers Karikatur eines Auslandsreporterveteranen mit sandsturmgestählten Stimmbändern war im Ansatz originell, sein Gespräch mit Welke zog sich aber zu sehr in die Länge - einschließlich der für Begriffstutzige besonders breitgetretenen Schlusspointe.

          Comedy-Schluffi Olaf Schubert führte als dösender Reporter an der Börse ein Gespräch mit einem Finanzexperten, dessen einziger Gag darin bestand, dass der Interviewer nicht zuhörte. Da hätte man sich eher eine so herrlich durchgeknallte Börsenreporterin gewünscht, wie sie Martina Hill in „Switch Reloaded“ spielt (Martina Hill: Von „Switch Reloaded“ zur „heute-show“). In der „heute-show“ gab Hill eine verhuschte Statistikexpertin, einen Part, den sie, wie sie vorher sagte, im Laufe der Sendung „entwickeln“ wolle - und in der Tat gibt es bei dieser nicht nur von der Kleidung her recht blassen Figur noch reichlich Entwicklungspotential. Wenn es Hill nicht rasch mehr Freiraum gewährt, dann droht das ZDF den Trumpf, der in ihrer Mitwirkung besteht, zu verspielen.

          Als zweiter Überraschungsgast neben Schubert trat der einstige „Titanic“- und heutige „Partei“-Chef Martin Sonneborn auf und begab sich dorthin, wo seine Satiren den besten Nährboden finden: in die ostdeutsche Provinz. So ließen sich die Bewohner der brandenburgischen Kleinstadt Trebbin auch durch Bestechungsversuche (fünf Euro!) nicht dazu bewegen, mit ihrem Gast die deutsche Einheit zu feiern, ließen sich aber immerhin zu einem Schnaps aufs Grundgesetz einladen. Und auch wenn die Trebbiner allzu leichte Opfer waren, gelang es Sonneborn doch, ein (sehr) kleines deutsches Sittenbild zu zeichnen. Mehr solcher Entschlossenheit zur Ruhestörung, und die „heute-show“ könnte einmal doch jene politsatirische Relevanz entwickeln, an deren Bedarf hierzulande eigentlich überhaupt kein Zweifel besteht.

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