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Der neue „Tatort“ aus Köln : Die Eltern sind am Ende

  • -Aktualisiert am

Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) verfolgt den flüchtigen Sprayer Patrick Cosca (Ben Unterkofler) in einem Güterwagen Bild: WDR

Im „Tatort - Schmale Schultern“ leiden vor allem die Kinder. Um einen Scheidungskrieg geht es, und der kennt keine Sieger. Die Verflechtung von Kriminalfall und Privatsorgen aber wird dieses Mal besonders ausgiebig dargestellt - und das nervt etwas.

          Dass Eltern anstrengend sein können, weiß kaum jemand besser als Melanie Schenk. Ihr brummbärhafter Vater trumpft mit schlaumeiernden Kommentaren auf, sobald er der Tochter habhaft werden kann; gerade ist es mal wieder besonders schlimm, denn Melanie hat einen neuen Freund, der Freddy Schenk nicht passt. Ein Surfer! Der Kommissar murrt, es ist ernst: Nicht einmal eine gute Kölner Currywurst kann ihn trösten. Doch bald relativiert sich sein Leid. Ein Fall führt ihn und seinen Kollegen Ballauf zu verstörten Scheidungskindern und türenknallenden Egoisteneltern.

          Im neuen Kölner „Tatort“ geht es, wie der Titel „Schmale Schultern“ andeutet, um Kinder, die eine schwere Last zu tragen haben - die Probleme ihrer Eltern. Davon ist zunächst noch nichts zu ahnen, als in Köln-Mülheim eine Tote zwischen Müllcontainern in einem Hinterhof liegt. Von ihrem Balkon wurde die Frau hinuntergestürzt, die Wohnung ist verwüstet, die Wände mit Graffiti bedeckt. Der Verlobte der Toten, Jens Otten (Pierre Besson), ist fertig mit den Nerven, doch wie sich bald herausstellt, nicht nur wegen des Todesfalls: Seit Jahren schon streitet er mit seiner ehemaligen Ehefrau um die Höhe des Unterhalts für die Kinder.

          Diese leben bei der Mutter und sind auf den Vater schlecht zu sprechen: Der neun Jahre alte Sohn Benjamin (Mateo Wansing Lorrio) nässt sich ein, wenn er zu Besuch ist, und wütet durchs Wohnzimmer. Die Tochter Laura (Michelle Barthel), 15 Jahre alt, kommt erst gar nicht. Mutter Claudia Otten (Nina Petri) kutschiert die traurigen Kinder im braunen Volvo durch die graue Stadt; dann verschwinden alle in ihren Zimmern. Geredet wird wenig.

          Die 15-jährige Laura Otten (Micelle Barthel) reagiert völlig gleichgültig auf den Tod der Verlobten ihres Vaters

          Das macht auch Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Schenk (Dietmar Bär) zu schaffen. Sie haben zwar in gefühlt jedem zweiten Fall mit Kindern zu tun und sind dementsprechend in Übung; doch Jugendliche sind störrisch. Vor allem Laura muss aber befragt werden, denn ihr Freund Patrick (Ben Unterkofler) sprüht nicht nur Graffiti, sondern steht auch im Verdacht, die Laura verhasste Verlobte ihres Vater vom Balkon gestoßen zu haben. Patrick ist es auch, der den Ermittlern Gelegenheit zu einer so kurzen wie albernen Verfolgungsjagd gibt: Der Junge hetzt davon, Schenk springt auf eine gerade vorbeizuckelnde Lok und greift den Flüchtigen am Schlafittchen. So macht man das in Köln.

          Jetzt nimmt die Handlung Tempo auf

          Jürgen Werner, der schon für vier Kölner „Tatort“-Folgen das Drehbuch schrieb, hat auch bei diesem nicht an Typischem gespart. Rauhbeinig geht es zu, und viel Zeit vergeht damit, den Kommissaren beim Kaffeekochen (Ballauf) und Tochtertreffen (Schenk) zuzusehen. Schlimm ist das nicht, denn die Ermittlungen bei den Ottens verlaufen schleppend; auch als sich herausstellt, dass Pascals Vater ebenfalls mit der Toten liiert war, nimmt die Handlung kaum Tempo auf. Hier trübe Gestalten in Wohnzimmern, dort mürrische Gestalten in Büros, traurige Kinder, zickende Erwachsene - schön ist das nicht und leider oft auch holzschnitthaft.

          Doch Nina Petri als scheidungskriegszermürbte Mutter rettet, was zu retten ist: Fabelhaft gibt sie die Alleinerziehende, die nicht mehr kann und doch muss. Die Kinder schauen mit großen Augen zu, wie sie ihre Antidepressiva nimmt; ist der Vater da, wird gestritten. Durch die geschlossenen Türen hören sie es. Seine beklemmendsten Momente verdankt dieser vor sich hin düsternde „Tatort“ Nina Petri. Dem Regisseur Christoph Schnee, der zum ersten Mal für die Reihe gearbeitet hat, bleibt für die nächsten Filme Steigerungspotential.

          Die Verflechtung von Fall und Privatsorgen Schenks nervt in „Schmale Schultern“ besonders: „Liebe wird so beliebig“, sagt der Vater seiner frisch verknallten Tochter (Karoline Schuch), nachdem er die abgekämpften Paare und ihre verunsicherten Kinder hinter sich gelassen hat. Doch der Surferfreund bleibt. Liebende scheren sich nicht um Kommissare.

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