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Das Ende des „Rheinischen Merkur“ : Das Siechtum währte Jahrzehnte

Ende eines schleichenden Niedergangs: der „Rheinische Merkur” wird eingestellt Bild: dpa

Die katholische Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“ gibt es nicht mehr. Sie mutiert zur Minibeilage der „Zeit“. Die Bischöfe glaubten am Ende nicht, dass das Blatt eine Zukunft hat.

          Die katholischen Bischöfe in Deutschland trennen sich von der Wochenzeitung „Rheinischer Merkur“. Die Gesellschafterversammlung, in der die nordrhein-westfälischen Bistümer, allen voran Köln, Münster und Paderborn, die Mehrheit haben, beschloss zum Auftakt der diesjährigen Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die chronisch defizitäre Zeitung zum symbolischen Preis von einem Euro dem Holtzbrinck-Verlag zu überlassen. Dieser wird den „Rheinischen Merkur“ vom kommenden Jahr an als eigenes Buch der Wochenzeitung „Die Zeit“ verlegen. Zu diesem Zweck gehen auch die Daten der Abonnenten an den in Hamburg ansässigen Verlag über. Es sollen nach Informationen dieser Zeitung gerade einmal 13 000 sein.

          Daniel Deckers

          in der politischen Redaktion verantwortlich für „Die Gegenwart“.

          Redaktion und Verlag des „Rheinischen Merkur“ wurden am Dienstagmittag über die Entscheidung der Gesellschafter und die bevorstehende Kündigung aller Arbeitsverträge informiert. Zugleich stellte der Kölner Generalvikar Dominik Schwaderlapp im Namen der Gesellschafter einen Sozialplan sowie alle erdenklichen Bemühungen in Aussicht, die Mitarbeiter in neue Arbeitsverhältnisse zu vermitteln. Den Redakteuren wurde Hoffnung gemacht, dass sich manche künftig unter dem Dach der „Zeit“ mit Gott und der Welt beschäftigen können – zumal die Rubrik „Glaube und Zweifel“ der „Zeit“ nicht in dem neuen, nur im separaten Abonnement erhältlichen Buch im Umfang von sechs Seiten aufgehen wird.

          Eine Frage der Marktgängigkeit

          Der Chefredakteur Michael Rutz bestätigte die Einstellung der Zeitung schon am Dienstagmorgen in einem Gespräch mit dem Deutschlandradio. Dies sei „das Ende des selbständigen ,Rheinischen Merkur‘“, sagte er. Vierzig Mitarbeiter, darunter zwanzig Redakteure, seien von der Einstellung betroffen, sechs bis sieben von ihnen könnten sich Hoffnungen machen, künftig die Beilage der „Zeit“ zu gestalten. Auf die Frage, ob die Entscheidung auch im – vermeintlich zu liberalen – redaktionellen Kurs des Blattes begründet sein könnte, äußerte sich Rutz zurückhaltend. Man müsse die Angelegenheit „nüchtern“ betrachten, die Frage sei, ob man ein Blatt wie den „Rheinischen Merkur“ in eine wirtschaftlich gesunde Zukunft führen könne. Eine andere Frage sei, ob die katholische Kirche nicht „eine Kommunikation dieser Art“ unbedingt betreiben müsse. Ein Blatt wie den „Rheinischen Merkur“ zu führen sei nicht allein eine „Frage der Marktgängigkeit“.

          Mit der Entscheidung der Gesellschafter geht ein mehrere Jahrzehnte währendes Siechtum der bald nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs ins Leben gerufenen Wochenzeitung zu Ende. Weder die Einstellung der ebenso kurzlebigen wie chronisch defizitären Wochenzeitung „publik“ noch die Übernahme der evangelischen Wochenzeitung „Christ und Welt“ oder der Kauf der Abonnentenkartei der „Woche“ brachten den „Rheinischen Merkur“ auch nur in die Nähe der Rentabilität. Die Suche nach einem starken Partner, die vor etwa zwanzig Jahren begann, erwies sich jedoch auch aus einem weiteren Grund als aussichtslos: Allen Bemühungen von Schwaderlapps Vorgänger Norbert Feldhoff zum Trotz gelang es nicht, die in Bonn verlegte Zeitung in Gestalt eines Stellenmarktes für kirchliche und karitative Berufe – den potentiell größten in Deutschland – auf ein wirtschaftlich tragfähiges Fundament zu stellen. Der christlich-konservative „Rheinische Merkur“ galt daher seit langem als abschreckendes Lehrstück für die Unfähigkeit der Kirche, ihre Kräfte zu bündeln. Mithin stand und fiel die Wochenzeitung mit der Bereitschaft der Gesellschafter, den Verlag mit Subsidien in Millionenhöhe zu stützen – zuletzt mit 4,5 Millionen Euro im Jahr.

          Angesichts sinkender Kirchensteuereinnahmen, einer vergreisenden Leserschaft sowie irreversibler wirtschaftlicher Erfolglosigkeit der Zeitung hatte es im vergangenen November mit der Geduld der Bischöfe ein Ende. Gemeinsam beschlossen die aus kirchenpolitischen wie habituellen Gründen notorisch uneinigen Bischöfe Nordrhein-Westfalens, sich von 2011 an aus der Finanzierung des „Rheinischen Merkur“ zurückzuziehen. Die anschließende Prüfung neuer Geschäftsmodelle, etwa der Umwandlung in ein Magazin á la „Chrismon“ oder eines Management-Buy-out, mündete nicht in günstigere Perspektiven für das traditionsreiche Blatt. So hatten am Ende andere Gesellschafter wie das von Kardinal Lehmann geführte Bistum Mainz außer der Perspektive eines Schreckens ohne Ende dem Entschluss nichts mehr entgegenzusetzen, den letztlich hausgemachten Schrecken ein Ende zu bereiten.

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