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Carsten Maschmeyer : Jetzt noch schärfer!

„Jugdes Cut”: Der Finanztycoon Carsten Maschmeyer nimmt Einfluss auf die Pressefreiheit Bild: dapd

Der NDR zeigt die zugespitzte Version des Maschmeyer-Films „Der Drückerkönig und die Politik“. Sie ist das Ergebnis der Bestrebungen von Maschmeyers Anwälten, das Stück Szene um Szene zu bekämpfen - und damit auch die Pressefreiheit.

          Es gibt einen neuen Film über Carsten Maschmeyer, den Gründer des Finanzkonzerns AWD mit den guten Verbindungen in höchste Kreise. „Der Drückerkönig und die Politik“, heißt das Stück. Kommt Ihnen bekannt vor? Stimmt, am 12. Januar lief unter diesem Titel ein Film in der ARD, recherchiert von der Redaktion des Magazins „Panorama“ und präsentiert von dem Reporter Christoph Lütgert. Das Stück hatte eine hohe Einschaltquote, sorgte für Furore und eine einzigartige juristische Auseinandersetzung. Der neue Film, von dem hier die Rede ist, ist der alte, mit dem Unterschied, dass Maschmeyers Anwälte das Stück Szene um Szene bekämpfen und – zumindest im Augenblick – damit Erfolg haben. Weil das Landgericht Köln drei einstweilige Verfügungen erlassen hat, gibt es den Film nun in neuer Version. Die Redaktion von „Panorama“ nennt ihn den „Judges Cut“ – gespickt „mit neuen juristischen Regieeinfällen“. Im Internet ist er auf der Seite von „Panorama” zu sehen.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die „Einfälle“ nehmen dem Film nichts von seiner Wirkung, im Gegenteil. Wenn ein Bild fehlt oder geschwärzt ist oder es ohrenbetäubend fiept, weil eine Aussage nicht zu hören sein soll, verstärkt das eher noch die Wirkung. Wenn etwa zwei Anleger ihre Kritik an den Beratern des AWD vortragen und nun per Gerichtsbeschluss hinzugefügt werden muss, dass die Betroffenen über eine bestimmte Immobilie erst geklagt hätten, nachdem dort eine Starkstromleitung verlegt werden sollte und sie sich ansonsten nicht vor dem Jahr 2008 mit Kritik gemeldet hätten, hat das die Redaktion in den Film nun eingebaut. Zugleich verliest der Präsentator Lütgert eine eidesstaatliche Versicherung, dass es Beschwerden in diesem Fall mehrfach von 2002 an gegeben habe. Auch die Kritik der Journalistin Ariane Lauenburg von der Stiftung Warentest verliert nichts an Kraft, nur weil ein einleitender Satz Lütgerts nun fehlt.

          „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“

          Und ziemlich absurd mutet die einstweilige Verfügung an, der zufolge der Film nicht den Eindruck erwecken darf, Maschmeyer habe dem damaligen Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Gerhard Schröder, im SPD-internen Wettbewerb gegen Oskar Lafontaine um die Kanzlerkandidatur mit einer Anzeige unterstützt, weil die beiden (Maschmeyer und Schröder) befreundet gewesen seien. Nach unserem Dafürhalten hat der Film diesen Eindruck gar nicht erweckt.

          Er beschrieb in diesem Punkt vielmehr, was Carsten Maschmeyer im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ gerade erst sagte: „Ich wollte nicht, dass Oskar Lafontaine Kanzler wird. Also musste Schröder die Landtagswahl gewinnen.“ Und also ließ Maschmeyer die Anzeige schalten: „Der nächste Kanzler muss ein Niedersachse sein“. 650.000 Mark kostete die Anzeige damals, mit der ein Wirtschaftsführer direkt Einfluss auf die Politik nehmen wollte. Das Weitere ist bekannt.

          Langwierige Kontaktversuche

          Bekannt ist auch, dass die Redaktion von „Panorama“ seit Monaten vergeblich versucht, ein Interview mit Maschmeyer zu führen. Was er allerdings in Interviews mit anderen – „Bild“, „Zeit“ und SZ – fleißig in Abrede stellt. Das ist schon erstaunlich, haben Maschmeyers Anwälte einige der Fragen der NDR-Redaktion doch zwischenzeitlich beantwortet – beziehungsweise in langen Ausführungen zurückgewiesen. Wie oft das hin und her ging, kann man unter der Webadresse daserste.ndr.de/panorama/ nachlesen – und dort auch den Film im „Judges Cut“ ansehen. Wer danach noch glaubt, der NDR habe mit Maschmeyer nicht rechtzeitig ins Gespräch kommen wollen, muss eine eigenartige Auffassung von Interviewanfragen haben. Der erste Kontaktversuch datiert auf den August 2010. Dass Maschmeyer doch noch darauf eingeht, darf man einstweilen bezweifeln, in der „Zeit“ sagte er, „jetzt müssen die ausstehenden juristischen Verfahren abgewartet werden“.

          Ansonsten spricht Maschmeyer, was die Kritik an den Anlagetipps des AWD anbelangt, von bedauerlichen Einzelfällen, macht ein paar kleine Zugeständnisse wie jenes, dass er „frühzeitiger Standards“ und eine „rote Liste“ hätte einführen lassen sollen. Die Erkenntnis kommt, da Maschmeyer seine Anteile am AWD 2007 an die Swiss Life verkauft hat, reichlich spät. Summa summarum sieht Maschmeyer sich auf der positiven Seite – zwei Millionen zufriedene Kunden, 6000 zufriedene Berater, die Beziehungen zu Spitzenpolitikern (Gerhard Schröder, Bundespräsident Christian Wulff) seien privater oder sauber geschäftlicher Natur (Bert Rürup). Also alles nicht der Rede wert und die Aktion eines übereifrigen Journalisten, der ihn und seine Familie bis ins Private hinein verfolgt habe, deshalb auch das strafrechtliche Gutachten, dass er in Auftrag gegeben hat.

          Es geht um die Pressefreiheit

          Das Vorgehen bezeugt das Paradigmatische dieses Falles. Es geht hier nicht um Peanuts, sondern um die engen Verbindungen eines Finanztycoons in die Politik und um die Möglichkeiten darüber zu berichten – also um die Pressefreiheit. Maschmeyers Presseanwälte gehen gegen Aussagen des Films vor, ein Strafverteidiger schreibt ein Gutachten über etwaige strafrechtliche Verfehlungen der Journalisten, währenddessen gibt Maschmeyer Dritten Interviews, in denen er als verfolgte Unschuld auftritt. Mit „Panorama“ spricht er nach wie vor nicht. Das sind drei Akkorde derselben Melodie, die man erst in der Zusammenschau erkennt, die Journalisten sollen eingeschüchtert und isoliert werden.

          Zu Gerhard Schröder und Oskar Lafontaine, die bei der „Drückerkönig und die Politik“ am Rande eine Rolle spielen, gibt es heute Abend übrigens ein hervorragendes Stück aus der Kurzreihe „Duelle“ um 21 Uhr. Das ist auch sehr sehenswert. Und der „Judges Cut“ des Maschmeyer-Films im Internet sei nochmals jedem empfohlen.

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