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Veröffentlicht: 03.01.2009, 13:38 Uhr

25 Jahre RTL Der Sender mit der Mundharmonika

„Rammeln, töten, lallen“- so übersetzte man vor 25 Jahren das Kürzel RTL. Doch die öffentlich-rechtliche Konkurrenz hat den „Anarcho-Sender“ aus Luxemburg unterschätzt: Er hat unsere Fernsehlandschaft umgewälzt - im Guten wie im Schlechten.

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© dpa Es braucht neue Formate - nicht Sendungen, die einen Mundharmonikaspieler zum Star machen

Wir schreiben den 2. Januar 1984, es ist 17.27 Uhr. Von wenigen bemerkt, beginnt in dieser Minute die Umwälzung der deutschen Fernsehlandschaft. Von Luxemburg aus geht ein Programm namens RTLplus auf Sendung. Es scheint technisch auf dem Stand zu sein, den die Öffentlich-Rechtlichen dreißig Jahre zuvor hatten. Statt des „Sandmännchens“ macht bei RTLplus die Handpuppe „Karlchen“ von sich reden. Garagenfernsehen, Rundfunk aus dem Untergrund, so wirkt es zu Beginn, mit „Rammeln, töten, lallen“ wird das Kürzel RTL übersetzt, von ARD und ZDF werden die Luxemburger verlacht.

Michael Hanfeld Folgen:

Der Spaß ist den Altvorderen, wie wir wissen, relativ schnell vergangen. Heute ist RTL - wenn auch im Quotenrennen 2008 nur auf Platz vier - eine Macht. Der Sender hat Maßstäbe gesetzt, zwar solche, die nicht allen gefallen, die jedoch das Programm aller Sender prägen - der privaten wie der öffentlich-rechtlichen.

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Nur die Quote zählt

Man muss über die Jahre nur auf die Sendungen, auf die Formate und veränderten Sichtweisen achten, die es bei RTL - zwar durchaus abgekupfert in der ganzen Welt - zuerst, dann aber bei fast allen gab und gibt: Hauptnachrichten, die mit einer Meldung aus der Formel 1 eröffnen und auf die Ausstrahlung ihres Moderators, des „Anchorman“, setzen; das „Frühstücksfernsehen“; mitternächtlich-moderierte Nachrichten; Nachmittags-Talkshows - bei denen Hans Meiser den freundlichen Auftakt zu einem Reigen gab, der sich mit Bärbel Schäfer in ein Gruselkabinett verwandelte; eine auf Jugend getrimmte tägliche Seifenoper wie „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“; überhaupt die „Daily Soaps“; die Quizshow „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch, abgekupfert von einem geföhnten Epigonen wie Jörg Pilawa; die sogenannten Doku-Soaps; eine deutsche Action-Serie wie „Alarm für Cobra 11 - Die Autobahnpolizei“; anarchischen Comedy-Humor wie bei der Show „RTL Samstag Nacht“; nicht zu vergessen die Klatschshows „Explosiv“ und „Exclusiv“ - einheitliche Sendeplätze, Zuschauerfluss (Audience Flow), Cliffhangerplanung - das alles (die Liste ist ganz und gar nicht vollständig) konnte man von RTL lernen.

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Und von RTL lernen hieß, vor allem unter dem ersten Geschäftsführer Helmut Thoma, der bis November 1998 im Amt war, ein Programm gestalten, das sich allein an den vermuteten Wünschen der Zuschauer orientiert, nach der maximalen Reichweite und den größtmöglichen Werbeumsätzen schielt und wenig Tabus kennt, angefangen bei der softpornographischen Unterhaltungsklamotte „Tutti Frutti“ bis zum Prominentenbelastungstest im Dschungelcamp.

Zeiler machte Schluss mit dem Anarcho-Elan

Fünfundzwanzig Jahre RTL, das heißt auch fünfundzwanzig Jahre medienethische Debatten, die heute überholt erscheinen, da es andere längst toller treiben und man sich sogar im Gedenken an Henry Maske an Boxnächte gewöhnt hat, die heute im öffentlich-rechtlichen Fernsehen laufen. Die Demokratisierung des Programms, auf welche Helmut Thoma seinen lockeren Spruch von dem Wurm, der dem Fisch schmecken müsse, nicht dem Angler, gemünzt wissen wollte, sie hat stattgefunden.

Und sie hat zu einem Programm geführt, das in der Gesamtheit des „dualen Mediensystems“ in mehr und mehr Nischen alles abbildet - das Hochkulturelle wie das Kleingeistige bis Sinnlose. Gefragt ist, was gefällt, verboten, was nicht ankommt oder bei der Rechtsaufsicht der Landesmedienanstalten aufgehalten wird (das aber ist fast gar nichts).

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