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Fernsehen Zum Singen aus dem Keller

09.02.2004 ·  Sänger aus alten Zeiten müssen gegeneinander singen, neue Shows um Hits und Charts werden ins Rennen geschickt. Das Unterhaltungsfernsehen setzt auf Musiksendungen. Gut für die Musik ist das nicht unbedingt.

Von Jörg Thomann
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Es ist erstaunlich, daß eine Karriere im Fernsehen so vielen Menschen immer noch erstrebenswert erscheint. Führt das Medium uns doch tagtäglich vor Augen, wie hart es ist, dort zu überleben und sich zugleich einen Rest an Würde zu bewahren. Vor einem Millionenpublikum Würmer zu essen zählt vermutlich nicht einmal zu den größten Opfern, die heutiges Fernsehpersonal zu bringen hat. Andere Erfahrungen, die ihnen die eigene Lage schonungslos vor Augen führen, sind für die Protagonisten ungleich deprimierender.

Zum Beispiel jenes Zusammentreffen in einem Kölner Hinterhof, für das Pro Sieben einige Leute versammelt hat, bei deren Anblick man sich sicher ist, sie schon mal gesehen zu haben - und man weiß sogar, wo: Im Fernsehen muß es gewesen sein. An ihre Namen aber kann man sich nicht erinnern. Es handelt sich um die Teilnehmer der Show "Comeback - Die große Chance", einer Variante von "Deutschland sucht den Superstar" mit dem Unterschied, daß hier nicht unbekannte Jungsänger an den Start gehen, sondern unbekannte Altsänger, die einmal bekannt waren. Am Montag um 20.15 Uhr startet die Sendung, schon vorher aber werden die Musiker von Elton heimgesucht, dem dicklichen Komikerdarsteller aus "TV total", den Stefan Raab all jene unerquicklichen Dinge tun läßt, von denen er selbst inzwischen lieber die Finger läßt. Also mischt sich Elton, den in ein paar Jahren auch niemand mehr kennen wird, unter die Altstars, verwechselt den Sänger Limahl absichtlich mit Boy George und fragt die Sängerin C. C. Catch: "Warum machst du mit bei der Comeback-Show - hat's für den ,Playboy' nicht gereicht?"

Es winkt: ein individueller Plattenvertrag

Eltons Arbeitgeber Pro Sieben darf sich dennoch als Wohltäter fühlen. Schließlich bietet er den Personen, die längst hinter ihrem oft einzigen, im Formatradio bis über die Schmerzgrenze hinaus abgespielten Chart-Hit verschwunden sind, die Chance, sich beim Publikum in Erinnerung zu rufen - und zwar nicht durch "Grenzerfahrung" genannte Quälereien, sondern mit ihrem eigentlichen Metier: Musik. Der per Zuschauervotum in zehn Runden gekürte Gewinner darf eine Platte aufnehmen, veröffentlicht beim eigens gegründeten "Comeback"-Label von Pro Sieben und der Produktionsfirma Constantin. Der Plattenvertrag, verspricht Pro Sieben, werde "den Bedürfnissen jedes einzelnen Künstlers angepaßt".

Da läßt es sich auch verkraften, daß man sich beim Kampf ums Comeback einem Prozedere unterwerfen muß, das gestandenen Musikprofis demütigend erscheinen muß. Als seien sie namenlose "Superstar"-Anwärter und nicht Leute, deren Lieder man bis heute - wenn man es denn wollte - mitsingen könnte, müssen Chris Norman, Coolio oder Jazzy von "Tic Tac Toe" Werke von Kollegen darbieten, die in den Charts stehen. In anderen Motto-Shows gilt es, Elvis-Songs zu singen, Heavy-Metal-Titel oder, Gipfel der Ironie, Hits der achtziger Jahre im allgemeinen und der Neuen Deutschen Welle im speziellen. Dann kann sich C.C. Catch ihre alte Fönfrisur aufsetzen und Markus noch einmal "Ich will Spaß" krähen. In der Jury sitzt mit dem Produzenten Harold Faltermeyer ("Axel F.") eine weitere Achtziger-Jahre-Figur, moderieren wird Arabella Kiesbauer. Auch sie feiert - zumindest für alle, die nachmittags nie fernsehen - eine Art Comeback.

Zwar peinlich, aber irgendwie auch wieder cool

Nicht auszuschließen, daß die Show - auch wenn man den meisten Teilnehmern eher einen entspannten, ehrenvollen künstlerischen Ruhestand wünschte als ein Revival - zum Erfolg wird; schließlich liegt Pro Sieben klar im Trend. "Ich glaube, es gab noch nie so viel Musik im Fernsehen wie heute", sagt Viva-Vorstand Jörg Grabosch. Da muß man aufpassen, den Überblick zu bewahren - weshalb nochmals darauf hingewiesen sei, daß die "Comeback"-Show am Montag bei Pro Sieben läuft. Zwar erblickt, wer zeitgleich RTL einschaltet, dort ebenfalls potentielle Kandidaten wie Matthias Reim, Peter Schilling und sogar Bata Illic, es handelt sich aber um die Sendung "Die ultimative Chart Show - Die erfolgreichsten deutschen Hits". Die wiederum ist nicht zu verwechseln mit der Sat.1-Show "Hit-Giganten", die im April die "30 größten deutschen Hits der letzten 30 Jahre" vorstellt und Frank Zander, Guildo Horn und DJ Ötzi zu Gast hat; nicht einmal Helge Schneider wird sich zu schade sein, mit seinem "Katzeklo" aufzutreten. Schon am kommenden Donnerstag sind bei den "Hit-Giganten" die "Schmusesongs" an der Reihe - abermals schwer achtzigerlastig mit den "Scorpions", Richard Sanderson ("Reality") und "Comeback"-Wettkämpfer Norman.

Die diversen Musiksendungen - hinzu kommen im März die "Mania"-Show bei RTL mit Barbara Schöneberger und Dirk Bach und, Kabel 1 macht's möglich, eine Neuauflage der legendären "Formel 1" - eint neben ihrem Faible für Wertungen und Listen vor allem eines: Es wird zurückgeschaut. "Musik mit Emotion" lautet das Erfolgsrezept. Die "Comeback"-Sendung, definiert Pro Siebens Unterhaltungschef Jobst Benthues, sei ein ums "Retro-Element" ergänzter "Sängerwettbewerb" mit "emotionalem Mehrwert", da jeder Zuschauer mit den Liedern Erinnerungen verbinde.
Eingebrockt hat uns diese Welle vermutlich die extrem erfolgreiche RTL-"80er Show". Hier zwängten sich Fernsehprominente nicht nur in ihre alten Karottenhosen, sie lauschten in geselliger Runde auch den Hits ihrer Jugendzeit und einigten sich darauf, daß diese zwar peinlich, aber irgendwie auch wieder cool waren.

Ein dünnes Trostpflaster

Auffallend häufig waren in der "80er Show" Komiker zu Gast, die zur festen Besetzung auch der neuen Sendungen zählen. Sind die Klänge von einst zwar mit Gefühl, nicht unbedingt aber mit Geschmack verbunden, so witzelt man darüber munter hinweg, und Moderatoren wie Oliver Geissen ("Die ultimative Chart Show"), Hugo Egon Balder ("Die Hit-Giganten") und Wigald Boning ("Formel 1") stehen dafür, daß man die Sache nicht sehr ernst nimmt. Von ihren Shows ist es dann nur noch ein kleiner Schritt bis hin zu jener Sendung, die am 20. Februar bei Pro Sieben Ingolf Lück präsentiert: "Die 100 nervigsten Popsongs". Nominiert sind selbstverständlich auch die hauseigenen "Comeback"-Sänger.

Die Sender hätten erkannt, daß "Musik nicht nur ein Pausenfüller ist, sondern einen Wert für die Zuschauer darstellt", meint Thomas M. Stein, "Superstar"-Jurymitglied und bis unlängst BMG-Chef. Von einer echten Wertschätzung von Musik jedoch zeugt es nicht, wenn sie vornehmlich als Klangkulisse für nostalgische Plaudereien dient. Auch für die schwer angeschlagene Plattenindustrie sind Sendungen, die lieber in Erinnerungen schwelgen als Neugierde auf Neues zu wecken, ein dünnes Trostpflaster. Wenn stets dieselben Leute auftreten, deren Platten ohnehin jeder im Schrank hat, so ist das noch weniger belebend für die Branche als ein "Superstar", der ausschließlich Kompositionen von Dieter Bohlen singt - welcher von sich selbst sagt, "im Jahr 2003 rund ein Drittel des Gesamtmarkts bewegt" zu haben, und damit traurigerweise recht haben könnte.

Die Plattenfirmen reagieren mit „TV Units“

Comeback- oder Casting-Shows sind mithin kein Ersatz für die Video-Abspielflächen bei MTV und Viva, die nach und nach verringert worden sind. In der Primetime senden die Musikkanäle kaum noch Musikvideos, sondern Comedy, Cartoons, Stuntshows und Versteckte-Kamera-Spielchen. "Der Musikclip per se ist einfach nichts Besonderes mehr", erklärt der MTV-Programmchef Elmar Giglinger die neue Strategie der Sender, die sich in deutlich gestiegenen Quoten niedergeschlagen hat: Wiedererkennbare Formate wie die "Osbournes" oder "Jackass" mit seinen zahlreichen Ablegern bei MTV, "Ali G." oder "South Park" bei Viva sind der Zuschauerbindung dienlicher als die sture Rotation von Videos.

Viva, sagt Jörg Grabosch, sei kein reines "Abspieltool für Promotion" mehr, sondern habe sich "zu einem jugendlichen Vollprogramm entwickelt, durch den Tag getragen durch den Rhythmus der Musik". Ein erfahrener Musikmanager wie Thomas M. Stein freilich prophezeit, daß sich die Musiksender mit ihrem neuen Kurs "keinen Gefallen tun" und "so mancher sein Kreativpotential überschätzt". Wohl oder übel aber hat sich die Musikindustrie mit der neuen Situation arrangiert. Die großen Plattenfirmen haben eigene "TV Units" gegründet, die an neuen Fernseh-Formaten werkeln, um sie den Sendern anzubieten. Und auch MTV und Viva entwickeln neue Sendungen, die einen musikalischen Kontext haben, ohne einfach einen Song nach dem nächsten abzuspielen - und denken dabei durchaus auch an den Nachwuchs. So will MTV vom Sommer an in einer Dokumentarreihe einen "begabten Amateurmusiker" aus Frankfurt auf seinem beschwerlichen Karriereweg begleiten - von der Suche nach einem Produzenten über die Vertragsverhandlungen bis hin zur ersten Platte.

Trash-Alarm

Daß sich RTL, Sat.1 oder Pro Sieben als Musiksender neu erfinden, sieht man bei MTV gelassen. Bei der "Comeback"-Show von Pro Sieben spiele Musik eine "völlig untergeordnete Rolle", sagt Elmar Giglinger, derartige Sendungen richteten sich an eine völlig andere Zielgruppe: "Die ,White Stripes' auf RTL, das wird auf absehbare Zeit nicht passieren."

Bei Pro Sieben ist man stolz genug auf seine "Comeback"-Kandidaten, die allesamt "hochklassige Sänger" seien; es werde mit Sicherheit kein "Trash-Fernsehen" werden. Man würde es gern glauben, doch Zweifel sind angebracht. Zu den drei Sängern, die in der ersten Show noch um eine Aufnahme in den Kreis der Kandidaten kämpfen müssen, gehört auch Jürgen Drews.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.02.2004, Nr. 6 / Seite 29
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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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