07.11.2003 · "Das Wunder von Lengede" macht uns staunen in vieler Hinsicht. Nur über eines wundern wir uns nicht - daß dieser Film, besser als fast alles andere im Fernsehjahr, bei Sat.1 läuft.
Von Michael Hanfeld"Das Wunder von Lengede" macht uns staunen in vieler Hinsicht. Wir staunen, wie die Kamera den Raum beherrscht, wie der Regisseur die Schauspieler führt, wie die Schauspieler das Drama mit Leben erfüllen, wie das Buch und die Dramaturgie uns das Warten auf den zweiten Teil lang machen, weil der erste mitten zwischen Hoffen und Bangen endet, obwohl wir wissen, wie die Geschichte ausgeht. Nur über eines wundern wir uns nicht - daß dieser Film, besser als fast alles andere im Fernsehjahr, bei Sat.1 läuft. Und nicht, sagen wir mal, bei der ARD, die mit all ihren Gebührenmilliarden doch viel mehr Mittel haben müßte, solches zu schaffen. Allein, es fehlen die Gabe, die Hingabe und die Besessenheit, die es für so etwas braucht.
Nur Tage ist es her, da haben sie im Ersten zum zweiten Mal in den letzten drei Jahren mit Tamtam die Chance vergeben, ein Stück Fernsehgeschichte zu schreiben. Zum Dösen dröge und aufregend nur wegen der Langeweile war "Im Schatten der Macht" über die letzten Tage Willy Brandts als Bundeskanzler, ein seelenloses Bedeutungs- und Geschichtsgehuber wie damals, als die ARD mit dem "Verleger" die ohne Dramaturgie heruntergeleierte Geschichte über Axel Cäsar Springer vergeigte. Was hätte Sat.1 - wo derweil "Der Tunnel" lief - daraus gemacht? Fernsehen hätten sie draus gemacht, bei dem man nicht von der belehrenden Botschaft erschlagen wird, sondern im zugespitzten Drama um ein paar Frauen und Männer die Anmutung einer ganzen Epoche erleben kann.
Und wie groß ist abermals das Risiko, daß der Privatsender Sat.1 mit seinem Geschäftsführer Martin Hoffmann an diesem Wochenende eingeht: Alle werden ihn und die anderen, die für das "Wunder von Lengede" gearbeitet haben, daran messen, ob es ein Erfolg auch nach der Quote wird. Das ganze Genre "Ereignisfernsehen", neuproduzentendeutsch "Event-Movie" geheißen, wird wieder mal davon abhängen, wie es bei Sat.1 läuft. Wieviel leichter erreicht hingegen ein auf den Mainstream setzender Bräsigkeitssender wie RTL seine Monsterquoten mit Günther Jauchs Quizstunde oder der gemeine "Tatort" im Ersten.
Und dann kommt noch das Orakel Haim Saban hinzu, der in München auf den Medientagen einen herzlich-einstudierten Familienauftritt hingelegt hat, aber zugleich die ersten Mitglieder aus der Sendersippe Pro-Sieben-Sat.1 verstieß wie den Fernsehvorstand Ludwig Bauer, in dem die Senderchefs Hoffmann von Sat.1 und Nicolas Paalzow von Pro Sieben einen Fürsprecher hatten. Sieben Leben hat Haim Saban seiner Sendergruppe mit Blick auf die Berg- und vor allem Talfahrten der Kirch-Insolvenz attestiert und hervorgehoben, daß sie in all der bleiernen Zeit immer noch Geld eingespielt habe. Was ihr, darauf deuten die ersten Schritte des neuen Managements hin, nun in forcierter Weise abverlangt wird. Das wahre Kapital dieser Sender aber liegt in einem Film wie dem an diesem Wochenende. "Das ist ein Programm, das den Sender in der Wahrnehmung der Zuschauer über den Tag hinaus prägt", sagte der Geschäftsführer Martin Hoffmann dieser Zeitung. Die "Strahlkraft" wirke nach und zu finanzieren sei das Projekt auch, wenn es bei den jüngeren Zuschauern auf einen Marktanteil von zwanzig Prozent komme. Sieben Millionen Euro hat "Das Wunder von Lengede" gekostet, die Hälfte davon hat der Sender bezahlt. Dafür ließen sich Lizenzen für Animationsfilme zuhauf erwerben. Was würde es nützen? Anfang der Woche wurde der Film in Lengede gezeigt, fünf der überlebenden Bergleute waren dabei. "Das war einer der bewegendsten Momente, seit wir Fernsehen machen", sagt Martin Hoffmann. Solche Momente sind nicht viele.