25.07.2002 · Das wird die Frauen freuen: Endlich bekommen sie wieder einen eigenen Fernsehsender. „Viktoria“ bietet ausschließlich Seifenopern.
Von Jörg ThomannFrauen und Männer passen einfach nicht zusammen. Jedenfalls nicht vor denselben Fernsehschirm. Dort nämlich laufen im Zeitalter der messerscharf konturierten Zielgruppe Sendungen, die sich mal mehr an Männer und mal mehr an Frauen richten, was schlimmstenfalls bedeutet, dass ständig gestritten und hin- und hergezappt wird.
Hier endlich Frieden zu stiften, ist ein lang gehegter Traum der Programm- und Marketingstrategen, und immer wieder wagen einige von ihnen den Vorstoß, einen Fernsehsender zu konstruieren, der sich ausdrücklich nur an ein Geschlecht richtet. In den meisten Fällen ist dies, warum auch immer, ein Frauensender; vielleicht, weil den Programmverantwortlichen der Durchschnittszuschauer als männlich gilt oder weil man glaubt, dass es mit Kanälen wie DSF oder n-tv bereits Männersender gibt - wenngleich solche, die inkognito laufen.
Liebe in allen Formen
Ein Frauensender startete in Deutschland zuletzt 1995: „TM 3“ war sein Name, der rein gar nicht weiblich, sondern vielmehr nach seinem Miteigner Tele München klang. TM 3 sendete ein paar Seifenopern, Ratespiele, das Fitness-Journal „Fit für Frieda“ und Magazine mit frauenaffinen Themen - und von einem Tag auf den anderen die Fußball-Champions-League. Das war vielleicht nicht mehr das, was Frauen wollen, aber passte den Programmachern in ihr nunmehr verändertes Konzept, das ebenfalls nicht das letzte bleiben sollte. Heute hört TM 3 auf den Namen Neun Live und sendet dämliche Telefonquizspiele. Das weibliche Aushängeschild des Senders ist nun die „Erotik-Queen“ Kelly Trump.
Dass TM 3 scheiterte, war im Grunde beruhigend - nämlich ein Beweis dafür, dass der televisionäre Graben zwischen den Geschlechtern doch nicht so tief ist wie befürchtet. Jetzt aber macht sich schon der nächste daran, die Utopie Frauenfernsehen zu verwirklichen: Josef Andorfer, der Geschäftsführer von RTL 2, will im März nächsten Jahres „Viktoria“ auf Sendung schicken. Ein Programm, das dem weiblichen Publikum rund um die Uhr das bietet, was es Andorfer zufolge einzig interessiert: „keine Gewalt, kein Sex, sondern nur Liebe in allen möglichen Formen“.
Der Sender der Frauenherzen
Mit „Viktoria“, so Andorfer, werde RTL 2 „siegreich im Kampf um die Herzen der Frauen sein“. Was aber sind die Waffen in diesem Kampf? Es sind Telenovelas. Jene Seifenopern aus Mexiko, Brasilien und anderen lateinamerikanischen Ländern, in denen glutäugige Männer und löwenmähnige Frauen einander anschmachten und tagtäglich neue Liebesfeuer entfachen: schlichte Geschichten wie die deutschen Daily Soaps, nur noch etwas dümmer und kitschiger.
Sollte RTL2 damit beim weiblichen Publikum erfolgreich sein, dann wäre dies ein Rückschlag, von dem sich die Frauenbewegung Jahrzehnte nicht erholen dürfte. Nicht umsonst entstammt der Name „Seifenoper“ den 40er und 50er Jahren, als Radio und Fernsehen den emsigen Hausfrauen bei ihrer Arbeit etwas Zerstreuung bieten wollten. Wer sich diese Zeiten nicht zurückwünscht, der darf „Viktoria“ keinen Sieg wünschen. Oder darauf hoffen, dass der Kanal möglichst bald die Champions League kauft.
Jörg Thomann Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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