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Fernsehen Warum Politiker in der Seifenoper baden

18.12.2002 ·  Wenn Wowereit in der RTL-Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auftritt, entsteht in der Wahrnehmung eines Millionenpublikums aus Unsinn Sinn.

Von Ingolf Kern
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Das Bundesverfassungsgericht wird an diesem Mittwoch zu klären haben, wie sich die Dinge wirklich verhalten, die in der berühmt gewordenen Abstimmung über das Zuwanderungsgesetz im Staatsschauspiel Bundesrat durch die politische Darstellung ins Hintertreffen gerieten. Es könnte sein, daß der damalige Bundesratspräsident Klaus Wowereit einer mediokren standesamtlichen Improvisation überführt wird. Man könnte auch vermuten, daß der Regierende Bürgermeister von Berlin ein Gestalttheoretiker ist, der einer halsbrecherischen Theorie zu plausibler Gestalt verholfen hat.

Wenn dem so ist, dann erschließt sich auch, warum Wowereit am heutigen Abend in der RTL-Seifenoper "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" auftritt. Weil eben auch dort in der Wahrnehmung eines Millionenpublikums aus Unsinn Sinn entsteht. In einer Zeit, wo Erstwähler nicht mehr recht wissen, was sich hinter Abkürzungen wie SPD oder CDU verbirgt, dafür aber GZSZ locker in Langfassung bringen können, werden Politikerauftritte in den Endlosserien immer wichtiger. Zudem verschäumt und verblubbert die Politik selbst zusehends: Alle vier Minuten, scheint es, wird ein ganz normales Land von einer Katastrophe heimgesucht.

Auf dem Weg zum Dialog

Die versoapte Gesellschaft schreitet voran. So ist auch das Auftauchen von politischen Leistungsträgern längst kein verschämtes Blinzeln aus der Kulisse mehr. Vorbei die Zeiten, als sich der französische Botschafter dafür hergab, champagnerschlürfend an der Bar herumzulümmeln. Begnügte sich der frühere Berliner Regent Eberhard Diepgen vor sieben Jahren noch damit, dem RTL-Chef Helmut Thoma mit einem Alt-Bier zuzuprosten und dabei nur zu flüstern, durfte der brandenburgische Landesvater Manfred Stolpe nur ein Jahr später in "Daniels Bar" schon eine Bestellung aufgeben - allerdings wieder in Anwesenheit des Bewährungshelfers Thoma. Kellner: Was möchten Sie trinken? Thoma: Ein Bier, bitte! Stolpe: Und noch ein Bier! Kellner: Also zwei Bier. Stolpe: Ja, das wäre ganz gut.

Der erste freihändige Auftritt eines Politikers als Kleindarsteller in "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" datiert aus dem Sommer 1998. Da saß ein recht überzeugender Gerhard Schröder im Restaurant "Fasan", nickte zwei Referenten zu, die eifrig Papiere bekritzelten und sprach: "Das klingt vernünftig, das können wir vielleicht so machen." Heute würden solche Sätze beargwöhnt, weil sich dahinter wahrscheinlich eine Besteuerung für Kurzatmer vermuten ließe. Weiter im Film. Schröder ordert die Rechnung, wobei interessant ist, daß er das Kleingeld aus einem Versteck im Innenfutter seines Jacketts klaubt. Das war vor Eichel!

Schröder weiß, wie schwer das ist

Dann wird es schwierig. Schröder muß aufstehen, zum Tresen laufen, eine rothaarige Frau ansehen und gleichzeitig auf einen Berg von Porzellan weisen, der auf einem Barhocker drapiert ist: "Soviel Porzellan, was ist los hier?" Dabei stößt er beide Arme vom Körper ab und vollführt kleine, drehende Handbewegungen. Nachdem aufgeklärt wird, daß es sich um einen Polterabend des jungen Herrn Lehmann mit einer Tochter derer von Moltabans handelt, nickt der Nochnichtkanzler anerkennend wie ein Klatschreporter, um dem flugs eintretenden, bürgerlichen Bräutigam innig die Hand zu drücken: "Herzlichen Glückwunsch zur Hochzeit. Ich weiß, wie schwer das ist." Eine rührende Szene.

Merkwürdigerweise wirken die leblosen Machtmaschinen, die sich nur noch von Fernsehkameras animieren lassen, in den Endlosserien hölzerner als ihre blutleere Umgebung. Es kann durchaus sein, daß sie in einem Fernsehstudio neutralisiert wirken, weil sie die reale Seifenoper verlassen haben. Das gilt auch für Wowereit, der in gleich zwei Folgen sich selbst spielt und in seinem echten Rathaus den fiktiven Toleranzpreis "Step 21" verleihen darf. Auch wenn RTL-Sprecherin Erika Heinemann-Rufer schier ins Schwärmen darüber geriet, daß Wowereit seinen Text perfekt beherrscht habe, geht es ihm wohl in erster Linie darum, wahrgenommen zu werden. Das Dabeisein garantiert, gesehen zu werden. Es kommt nicht darauf an, etwas zu sagen zu haben. Steif gerät die Szene, und es bleibt die Frage, was sich Politiker von ihren Ausflügen ins Amusement versprechen. Als Guido Westerwelle zu allem Übel auch noch in den Big-Brother-Container kroch, argumentierte er: "Ich habe das für meine Partei gemacht. Man muß heute unkonventionelle Wege gehen, um junge Menschen für Politik zu begeistern." Das Ende ist bekannt.

Die Erkenntnis: Konflikte lassen sich „wegquatschen“

Waren Politiker als Gäste in der Restaurantkulisse früher Zeugen einer "säkularisierten Form des Abendmahls", wie es Hanne Landbeck in ihrem Buch "Generation Soap" beschreibt, so ist Wowereits Rollenspiel auch als Indiz dafür zu werten, daß die Seifenoper immer weitere öffentliche Räume erobert. "Was nicht gleichbedeutend ist mit einer Behandlung allgemein relevanter Themen. Politik und Religion bleiben weitgehend ausgespart, die Intimität usurpiert den publiken Raum, der, unter soviel Privatheit ächzend, seinen im Vergleich zum Intimraum anonymeren Charakter zu verlieren droht", schreibt Landbeck. Vielleicht aber zieht es Politiker auch deshalb häufig an das Fließband der Massenkultur, weil sie an die heilende Wirkung verbaler Kommunikation glauben. So wie halbstarke Jungen behaupten, sich nicht mehr zu prügeln, weil die Soaps gezeigt hätten, daß sich Konflikte auch "wegquatschen" lassen.

Und ist es nicht gelungen, das Bewußtsein politischer Konsumenten von Bonusmeilen, Haarfärbereien, Scharping und Nitrofen zu befreien, indem man sich ordentlich darüber ausquasselte? Und weil Fernsehen bekanntlich glücklich macht, eine Seifenoper aber die Glücksdroge schlechthin ist, gelten Politiker gemeinhin als Wiederholungstäter. Zudem gilt die abstruseste Daily Soap in Krisenzeiten als systemerhaltendes Beruhigungsmittel und ihre Helden als souveräne Gesellen. Es wird viel passieren/nichts bleibt mehr gleich/nichts bleibt beim alten wie gehabt . . . Diepgen saß stumm herum, Schröder hatte fünf Sätze, Wowereit schon acht Minuten. Wann wird die erste Kabinettssitzung übertragen?

„Gute Zeiten, schlechte Zeiten“, Mittwoch, 18. und Donnerstag, 19. Dezember, jeweils um 19.40 Uhr bei RTL

Quelle: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.12.2002, Seite 39
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