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Fernsehen und Gesellschaft Die Chemie stimmt

 ·  Zwei amerikanische Serien auf RTL Nitro spielen gekonnt mit etablierten Familien- und Rollenmodellen. Dabei bieten sie eine lehrreiche Zeitdiagnose.

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Hat sich der Sugar Daddy also eine Latina aus Kolumbien geangelt. Er Ende sechzig, sie Anfang dreißig - wer hier Machismo sagt, untertreibt maßlos. Dass die brünette Schöne auch noch einen übergewichtigen Achtjährigen im Schlepptau hat, muss den Familienchef nicht weiter stören. Falsch gedacht: Die junge Dame hat den zivilisatorischen Schneid von mindestens zehn weißen Angelsachsen. Ihr Sohn trinkt Espresso, geht im Anzug zur Schule und therapiert bei Familientreffen das weibliche Personal. Manny, so der Name des Jungen, ist schon nach zwei Folgen der Serie „Modern Family“ der wahre pater familias.

Ob Jackie jemals nach Kolumbien reisen würde? Wenn, dann weniger aus touristischen denn aus pharmazeutischen Gründen. Die Krankenschwester aus Manhattan schluckt verschreibungspflichtige Tabletten, als wären es Smarties. Jackie (Edie Falco) ist die professionellste, coolste und dabei süchtigste Frau, die jemals in einer Fernsehserie als Heldin in Erscheinung trat. Zur Sicherung des Stimulanzien-Nachschubs geht sie eine Affäre mit einem Apotheker ein.

Die Patchwork-Idee in allen Facetten

Koffeinsüchtige Jungs, sedierte Krankenschwestern - die Besetzungslisten für Familienreihen haben sich grundsätzlich verändert. „Modern Family“ und „Nurse Jackie“ - mit denen der neue Kanal RTL Nitro aufwartet - mischen keine Clique von Durchschnittsbürgern mit ein, zwei Exzentrikern auf - die Deformation ist nun kultureller Standard. Das ist wunderbar entlastend und streckenweise höchst lehrreich, weil sich an der Karikatur das Schiefe der Verhältnisse umso deutlicher ablesen lässt.

Für „Modern Family“ heißt das: die Patchwork-Idee in allen Facetten durchzuspielen. Es gibt besagten Endsechziger, dem Gattin und Sohn die besitzbürgerlichen Allüren austreiben. Dann Claire (Julie Bowen), die Tochter des Alten: Gemeinsam mit Ehemann Phil und drei Kindern stellt sie die Normalfamilie nach. Nur dass Phil (Ty Burell) nie der Pubertät entkommen ist und seine Kleinen an Kindlichkeit überbietet. Claire hat noch einen Bruder, Mitchell (Jesse Tyler Ferguson). Der ist schwul und verheiratet mit Cam (Eric Stonestreet). Man adoptiert ein asiatisches Mädchen und überbietet sich in pädagogischer Korrektheit. Die Folge sind jene komischen Verrenkungen, wie sie in den jungen liberalen Milieus zwischen Berlin-Mitte und Lower Eastside anzutreffen sind.

Erschütterung etablierter Identitätsmodelle

Die Krankenschwester Jackie hingegen schmeißt, trotz deftigen Drogenkonsums, das Krankenhaus, gemeinsam mit ihrer zynischen Kollegin Dr. O’Hara (Eve Best), einer resoluten Direktorin (Anna Deavere Smith) und der Praktikantin, dargestellt von Merritt Wever. Allein ihretwegen muss man „Nurse Jackie“ sehen: Das verlegen-ambitionierte Heranschleichen an einen Vorgesetzten hat sie zur Kunstform erhoben, eine Pantomime des Subalternen. Beide Reihen beobachten die Konsequenzen der Erosion traditioneller Rollen.

Was wird aus der klassischen Familie in Zeiten ethnischer, sexueller und sozialer Vielfalt? Etablierte Identitätsmodelle können jedenfalls die Erschütterung durch knackige Scherze vertragen, und dass Edie Falco die promiske Krankenschwester verkörpert, ist selbst schon eine Pointe. In den „Sopranos“ spielte sie sechs Staffeln lang die Ehefrau, die sich nicht traut, eine Liaison mit dem heimlich begehrten Priester anzufangen. Den spielte Paul Schulze, hier der Darsteller des Pharmazeuten. Kommen sie also doch noch zusammen, denn nun stimmt sie endlich: die Chemie.

Modern Family läuft montags um 20.15 Uhr bei RTL Nitro, Nurse Jackie folgt um 21 Uhr. RTL Nitro ist digital per Satellit und per Kabel bei Unitymedia und Kabel BW zu empfangen.

Quelle: F.A.Z.
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