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Fernsehen : „Stauffenberg“ - ein Geschichtsfilm ohne Geschichte

  • -Aktualisiert am

Die Attentäter in Reih und Glied: Szene aus dem Fernsehfilm „Stauffenberg” Bild: SWR

Jo Baiers Fernsehfilm „Stauffenberg“ ist der genaueste Film über das Hitler-Attentat, der bislang gedreht wurde. Und es ist zugleich der unvollständigste.

          Dies ist der genaueste Film über das Attentat des Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der bislang gedreht wurde. Und er ist der unvollständigste. Wer ihn sich heute abend im Fernsehen anschaut, kann sich auf die Korrektheit von Kulisse, Uniform und Chronologie verlassen. Der Regisseur Jo Baier hat nicht nur den bereits von der Gestapo im Minutentakt recherchierten 20. Juli exakt wiedergegeben. Er hat Hitlers Lagebaracke und überhaupt das im ostpreußischen Sumpfgebiet liegende Führerhauptquartier bis hin zu den Mücken sehr genau rekonstruiert.

          Man kann nicht sagen, daß Baier irgend etwas im strengen Sinn vergessen hätte. Käme man zur Prüfung mit der Strichliste - beginnend mit Stauffenbergs poetischem Temperament und endend mit seinen letzten, niemals ganz geklärten Worten -, alles würde irgendwann in diesem Film als Zitat abzuhaken sein. Es gibt sogar Momente von großer Suggestion, in denen so etwas wie eine Ahnung ungeheurer historischer Verdichtung auch sechzig Jahre nach den Ereignissen spürbar wird. Dazu gehört das Gespräch zwischen Goebbels, hervorragend von Olli Dittrich gespielt, und Major Otto Ernst Remer, jene Unterredung, in der die letzten dürftigen Erfolgsaussichten des Staatsstreiches vollends vernichtet wurden. Eigentlich eine Unterredung zu dritt. Denn zwischen den beiden drang - eine Szene, die Remer später immer wieder berichtete - die körperlose Stimme Adolf Hitlers aus dem Telefonhörer. Eine einzige Frage Adolf Hitlers entschied den 20. Juli. Die Frage lautete: ob Remer seine Stimme erkenne.

          Fehlende Mehrdeutigkeit

          Das ist gut erzählt in dem Film und gut gespielt, und das gilt für fast alle Szenen und Rollen. Das Lob, das Sebastian Koch für die Rolle des Stauffenberg bekam, ist durchaus berechtigt. Der enorme Zeitdruck, unter dem Stauffenberg am 20. Juli stand, die Hektik der Fernschreiber und diese wenigen Minuten, da die Verschwörer wohl wirklich glaubten, Befehle geben zu können - das alles spielt Koch, wie die konkrete Phantasie es einem eingeben mag.

          Regisseur Jo Baier mit seinen Darstellern

          Wer wissen will, was ein deutscher Offizier namens Stauffenberg am 20. Juli 1944 den ganzen Tag lang tat, wird hier gut bedient. Wer aber wissen will, was der letzte Tag im Leben des Claus Schenk Graf von Stauffenberg bedeutet, wird sich verloren fühlen. Das hat damit zu tun, daß diesem Film auf merkwürdige Weise jede Mehrdeutigkeit fehlt. Man könnte auch sagen: Er ist eine Erzählung ohne Kontext, ein Geschichtsfilm ohne Geschichte. Und die Geschichte auf die gleiche merkwürdige Weise entdramatisiert, wie heutzutage Dramen enthistorisiert werden. Wer Stauffenberg war oder auch nur gewesen sein könnte, erfährt man nicht. Warum Stauffenberg sich zum Attentat auf Hitler entschloß, darauf gibt der Film drei durchaus plausible, aber dabei sehr linkisch montierte Gründe. Welche Rolle die anderen Widerständler spielten, bleibt vollends unklar, und nur Ulrich Tukur - nicht dem Drehbuch - ist es zu verdanken, daß eine der edelsten Personen des Widerstands, Henning von Tresckow, im Gedächtnis bleibt.

          Zeichen der Ineffizienz

          Die Vor-Kritik dieses Films hat davon gesprochen, daß, was hier vermißt wird, in einem Neunzig-Minuten-Film nicht zu finden sein kann. Muß aber. Oder zumindest: Es muß eine Ahnung davon vermittelt werden, daß es noch eine Ebene gibt, die mehr sagt, als daß ein Mann mit einem Flugzeug sich in ein Sumpfgebiet begibt, dort eine Bombe unter dem Schreibtisch des Tyrannen zündet und eilig wieder zurückfliegt. Diese Ebene wäre beispielsweise dadurch zu bezeichnen gewesen, daß der Zuschauer in dem Augenblick, als Stauffenbergs Maschine noch in der Luft ist, ahnen könnte, daß der Putsch bereits verloren ist, weil das Führerhauptquartier die Nachrichtenverbindungen wieder in Betrieb genommen hat.

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