19.02.2002 · Unter den Vorzeichen eines neuen Krieges der Anti-Terror-Allianz äußert sich eine Medienwissenschaftlerin besorgt über die Pressefreiheit in den USA.
Von Holger Christmann, MainzDie 35. Mainzer Tage der Fernsehkritik stehen ganz im Zeichen des 11. September und des Krieges gegen den Terror. Journalisten aus verschiedenen Ländern zeigten sich am ersten Tag besorgt über die Beschneidung der freien Berichterstattung, sei es durch die Schere im Kopf, sei es durch Bilder, die dem Publikum von Regierungsstellen vorenthalten würden. So vermisste der Kölner Medienwissenschaftler Dietrich Leder nach dem 11. September Bilder des Flugzeugabsturzes über dem Pentagon. Die vielen Überwachungskameras an diesem Ort hätten das Ereignis gewiss aufgezeichnet, vermutete er.
Sorge über starke Einschränkungen der Berichterstattung
Die amerikanische Juristin und Medienwissenschaftlerin Beth Simone Noveck von der Yale University leugnete nicht die Besonderheit der Situation und äußerte Verständnis dafür, dass das Fernsehen auf die Gefühle der Bevölkerung Rücksicht nimmt.
Dennoch zeigte sie sich besorgt darüber, wie sehr die Berichterstattung mitunter eingeschränkt wird. So habe die amerikanische Regierung vor dem Angriff auf Afghanistan vorsorglich die Exklusivrechte an Satellitenbildern aus diesem Land eingekauft. Damit habe sie sich den juristischen Weg erspart, auf die sogenannte Shutter-Control-Regelung zurückzugreifen und Fotos zu beschlagnahmen, denn das hätte eine "First Amendment-Klage" nach sich ziehen können. ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender sprach in diesem Zusammenhang davon, dass dem Fernsehen die Bilder enteignet worden seien.
Noveck berichtete von weiteren Repressionen. Auf einen Fernsehsender habe die Regierung etwa Druck ausgeübt, ein Interview mit dem Taliban-Oberhaupt Mullah Mohammed Omar nicht zu senden.
Journalisten als "Angsthändler"
Auf Anweisung der Regierung hätten sich die großen Fernsehsender auch entschlossen, Interviews mit Usama Bin Ladin nur gekürzt - wenn überhaupt - auszustrahlen, sagte Frau Noveck. Ein Journalist sei entlassen worden, weil er „on air“ Präsident Bush kritisiert habe. CNN habe seinen Nachrichtensprechern befohlen, die Opfer in Afghanistan nur zu erwähnen, wenn auch die Opfer von New York erwähnt würden. Außerdem habe die Regierung den Medien jeden direkten Zugang zu amerikanischen Soldaten verweigert.
Ein weiteres Phänomen im Krieg gegen den Terrorismus seien die regelmäßigen Warnungen des FBI und der amerikanischen Regierung vor neuen Anschlägen. Der versuchte Anschlag eines Einzeltäters auf einem Interkontinentalflug nach Amerika und diverse Anthrax-Fälle schienen diesen Warnungen recht zu geben. Gleichwohl würden die Journalisten in den Vereinigten Staaten missrauischer gegenüber diesen Warnungen. Redakteure klagten darüber, nur mehr „Angsthändler“ zu sein, sagt Noveck.
Internet als Ort der Meinungsfreiheit und Stimmenvielfalt
Gleichwohl ist die Zustimmung zur Politik der Bush-Regierung in der amerikanischen Bevölkerung und unter den amerikanischen Fernsehjournalisten nach wie vor überwältigend. So hat der 11. September zum ersten Mal zu einer Stimmung geführt, in der auch Journalisten ihre Freiheit der Berichterstattung freiwillig dem Sicherheitsbedürfnis ihres Landes unterordnen.
Noveck berichtete, dass in dieser Lage dem Internet eine neue Bedeutung zugekommen sei. Mittels dieses Mediumskönnten die Amerikaner - je nach Sprachbegabung - Informationen aus anderen Ländern einholen. Hier kämen auch Stimmen zur Wort, die von den großen Networks unterdrückt würden.
Das Internet als Ventil der Meinungsfreiheit? Bisher kannte man das aus China und Russland. Dass es auch in Amerika diesen Zweck erfüllt, stimmt fröhlich und besorgt zugleich.